Nichts Falsches sagen
Von: Marc-Alexander Holtz | 20. 07. 2008Maike Gossen hat während ihres Studiums einige Erfahrungen und unbedingt auch Erkenntnisse gesammelt. Dass es lohnt, sich vorab über ein Studium zu informieren, ein eigenes Ziel Orientierung bietet oder dass eine neutrale Haltung gegenüber geglaubten Missständen noch nicht zur Verbesserung führt. Ein Interview und der bisher erste Rückblick auf ein Bachelorstudium am Department Information als auch an der Fakultät DMI.
[Maske: Jörg Block | Department Design]
Du blickst jetzt auf drei Jahre Studium zurück … War das Studium für Dich sinnvoll?
Das, was ich am Studium kritisieren würde, ist die breit aufgestellte Ausrichtung. Vieles wird insbesondere während der Pflichtseminare innerhalb der ersten drei Semester angesprochen, doch bevor man ins Detail geht, zieht die Karawane weiter. Erst mit den beginnenden Wahlmodulmöglichkeiten ab dem dritten Semester konnte ich mich spezialisieren. Und das nur hinsichtlich dem, was angeboten wurde.
Ich habe relativ früh verstanden, dass zwar ein roter Faden durch das Studium führt, aber leider auch, dass es nicht das ist, was ich mir unter dem Studium der »Medien und Information« vorgestellt hatte. In meinen Augen ist vieles schwerpunktmäßig in den Pflichtseminaren auf Wissensorganisation und Dokumentation ausgerichtet statt auf Medienwissenschaft.
Kannst Du Dir im Nachhinein erklären, wieso Deine ursprüngliche Vorstellung so sehr von den tatsächlichen Inhalten des Studiengangs abgewichen ist?
Ich erinnere mich an meine eigene Bewerbungsphase, ich habe mich deutschlandweit beworben und habe vier oder fünf Zusagen erhalten. Es handelte sich bei den Zusagen um Hochschulen mit medien- oder kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen. Hamburg sagte auch zu und ich konnte mir vorstellen, in Hamburg zu leben. Es war sogar meine Mutter, die sich mit der Studiengangsbeschreibung ausführlich auseinandersetzte und mich auf die Dokumentationsschwerpunkte hinwies. Ich schreibe mir selber zu, dass ich damals die Augen davor verschloss. Ich wollte nach Hamburg.
Die Entscheidung, nach Hamburg zu gehen, war für Deine Wahl maßgeblicher als der genaue Inhalt des Studienganges?
Auf jeden Fall.
Wann hat Dich dann die Realität wieder eingeholt und wann hast Du erkannt, dass Deine Vorstellungen vom Studium die falschen waren?
Ich glaube, ich habe das relativ früh erkennen können, da ich – gefühlt – auch früh wusste, was ich beruflich mal machen wollte. Mir war nach dieser Erkenntnis ganz klar, dass es sich um ein dreijähriges Studium handelt, das vorübergeht und das man schaffen kann. Außerdem wusste ich, dass ich danach mit einem Abschluss dastehe, der mich dazu befähigt, entweder weiterzustudieren und dann wirklich auch etwas, das ich will, oder eben zu arbeiten.
Für mich war die Arbeit in Agenturen, also die praktische Erfahrung, sowohl was Zeit wie auch Energieaufwand anging, oft zentraler als das Studium, dass eher nebenher lief.
Das erste halbe Jahr war schon so, wie man sich das Studentenleben gern vorstellt: Man ist neu in der Stadt, trifft auf spannende Leute, alles ist noch zu entdecken, die Studieninhalte, ebenso wie die Hochschulstrukturen, lernt man erst kennen. Das ganze interne studienspezifische Know-How blickt man zunächst mal gar nicht. Und dann geht es plötzlich und sehr schnell. Nach dem ersten Semester, diesem Chaos mit der Umstellung auf den Bachelorstudiengang, habe ich im zweiten Semester erkennen können, dass der Studiengang für mich nicht der ultimative ist. Aber ich habe mir dann zum Ziel gesetzt, die drei Jahre durchzuziehen und mit guter Note abzuschließen und mich danach weiterzuentwickeln.
Ich weiß, dass die Probleme im Studiengang zwar durch die Situation der Bachelorumstellung verursacht waren, aber ich meine, dass man diese Betrachtung der Zustände auch verallgemeinern könnte.
Ich habe oft diese spezielle Ausrichtung auf die Informationswissenschaft kritisiert, die nicht auf Studiengänge an anderen Fachhochschulen übertragbar ist. Ich weiß nicht einmal, ob es vergleichbare Studiengänge in Deutschland gibt.
Es gibt Studiengänge mindestens in Köln und Stuttgart. Eingangs hast Du gesagt, Du findest die breit gefächerte inhaltliche Aufstellung des Studiengangs kritikwürdig, andererseits hast Du jetzt gerade gesagt, Du hättest Dir mehr inhaltliche Möglichkeiten gewünscht. Wie ist das zu verstehen?
Aus der Studiengangsbeschreibung ging für mich nicht hervor, dass es hauptsächlich um Wissensorganisation und Dokumentation gehen würde. Man hat deutlich gemerkt, dass der Studiengang, der sich da »Medien und Information« schimpft, aus der Mediendokumentation kommt. Jedenfalls war das Gefühl, es wird einem etwas verkauft, dem es inhaltlich gar nicht entsprach. Hätte ich nun Informationsfachfrau werden wollen, hätte ich mich hier vielleicht spezialisieren können. Aber medienwissenschaftlich war mir das deutlich zu generell.
Habt Ihr Euch unter den Kommilitonen dazu besprochen?
Ich glaube, ich gehe noch als ein Glücksfall aus diesem Studiengang heraus, da ich bereits Berufserfahrung sammeln konnte. Somit also den Abschluss gebrauche, um einfach weiterzumachen. Aber ich denke, viele meiner Kommilitonen haben gar keinen Plan gehabt, die wollten irgendwas mit Medien machen, sind auf den Studiengang gestoßen, reingekommen und komplett gefrustet. Klar, dass die sich hätten besser informieren müssen, so wie auch ich.
Es scheint etwas auffällig, dass Studenten zumindest in diesem Studiengang demnach häufig eine ganz andere Vorstellung ob der Inhalte besaßen als das, was man dann angeboten bekam. Im Designstudiengang muss man zuvor eine Mappe abliefern …
Die wissen doch aber viel genauer, worauf die hinstudieren. Wir sind nachher Informationsspezialisten. Und dann? Was machen wir dann damit?
Weißt Du es heute?
Für mich weiß ich es heute. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, was das Studium mir da gebracht haben soll. Ich meine, okay, hinter jeder Wissenschaft verbergen sich Berufsprofile und wir haben journalistische Seminare gehabt, die dokumentationsaffinen Seminare, mit denen man in die Dokumentation gehen kann, wir haben Betriebswirtschaftslehre gehabt etc. Ich wusste immer, was ich selber will. Aber ich habe viele Kommilitonen wahrgenommen, die das nicht wussten und die jetzt nach drei Jahren Studium genauso ideenlos dastehen wie vorher. Zwar hat man eine Menge Impulse bekommen, aber die waren viel zu generell und allgemein gehalten, irgendwie kaum anwendbar.
Haben die Studieninhalte aufeinander aufgebaut?
Das fand ich schon aufbauend, ich habe zumindest in den Wahlmodulen auch das wählen können, worauf ich mich spezialisiert hatte. Also es gab auch mal ein Jahr, wo irgendwie nichts angeboten wurde oder die Seminare bereits voll waren, aber soweit ich das beurteilen kann, waren die Wahlmodule schon aufeinander abgestimmt.
Wenn es Kritik an dem Studium gab, konntet Ihr die loswerden? Wurde darüber gesprochen und das auch nach außen getragen?
Ich habe relativ schnell gemerkt, dass wir auf sehr hohem Niveau motzen, weil die Ausstattung unseres Fachbereichs ist gut. Aber ich hatte auch immer im Hinterkopf, es kann mir ja egal sein, weil ich gehe nebenbei arbeiten, ich komme da schon durch. Ich habe halt versucht, eine etwas neutralere Einstellung zu bekommen. Vor allem: Wir hätten uns ja auch deutlicher positionieren können, auch bezüglich der Gremien, die es gibt. Keiner aus meinem Jahrgang ist in diesem Fachschaftsrat gewesen. Keiner hat demonstriert, als es gegen die Studiengebühren ging. Wir haben nur gemotzt.
Kannst Du Dir das anhand Deiner eigenen Person erklären?
Ich glaube, dass liegt vielleicht daran, dass keine wirkliche Not da war. Aber es ist auch eher ein gesellschaftliches Thema, dieser Gedanke, dass man gemeinsam für etwas Gutes oder Besseres kämpft, den gibt es für mich in meiner Generation nicht mehr. Und dass man überhaupt einsteht für Dinge und Ideale hat. Das ist jetzt sehr pauschal.
Du sagst sehr bewusst das Wort »neutral«. Was meinst Du mit dieser Neutralität?
Immer auf die eigene Person bezogen, den Weg mit den geringsten Widerständen gehen …
Also seine Meinung nicht äußern?
Genau, sich innerlich oder in kleinen Kreisen aufbegehren und motzen und darüber herziehen, aber das nicht als Anlass sehen, aktiv zu werden. Es ist eine sehr egoistische Neutralität. Vielleicht auch, dass man sich nicht mehr traut, laut zu werden oder mal Wiederworte zu geben.
Warum nicht?
Es könnte ja negative Konsequenzen haben, zum Beispiel auf eine Note. Ich fand die Diskussionen, die dann mal geführt wurden, immer extrem zurückhaltend, extrem gleichgültig und extrem bedacht, nichts Falsches zu sagen, weil es sich auswirken könnte auf irgendetwas.
Haben die Lehrkörper das ausgestrahlt?
Das ist schwer zu sagen, ich würde das eher auf dieses Generationsding beziehen. Wir hatten – klingt jetzt blöd – viele, wo ich mich echt gefragt habe, wie die in das Studium reingekommen sind. Da lief auch nebenher nichts an Austausch in der Gruppe, dass man sich auch mal unterhielt über die Dinge, die uns da gesagt wurden. Man geht halt rein in das Seminar, liest Zeitung, weil es eh stinklangweilig ist, was da vorne passiert, geht raus und war halt anwesend. Es war ja auch oft das einzige Kriterium, um so ein Seminar zu bestehen. Das habe ich ganz extrem so wahrgenommen, dass es da auch keine Reibung gab mit irgendwem.
Wie war Dein Eindruck diesbezüglich von den Professoren? Gab es den Versuch, eine Diskussion anzuregen?
Das ist immer so eine Wechselwirkung. Ich glaube, dass die meisten das schon versucht haben und da auf eine Gleichgültigkeit der Studierenden getroffen sind. Das rutscht halt schnell in so ein »Wir wollen es nur noch absolvieren und die wollen es nur noch absolvieren«. Den Eindruck habe ich eigentlich durchweg wahrgenommen. Außer in den Projekten, wo halt auch ausgewählte Leute saßen, die ein Interesse für das Thema hatten und Lehrpersonen, die auch was vorantreiben wollten. Die Projekte habe ich als sehr lehrreich und sehr spannend in Erinnerung. Da hatte ich den Eindruck, jetzt haben wir wirklich mal was in der Praxis ausprobiert.
Hast Du Deine Stärken, derer Du Dich heute in Deinen Jobs bedienst, im Studium erlernt?
Nein, eher durch Eigeninitiative. Natürlich habe ich auch im Studium etwas gelernt, das mich dazu befähigt, genauer zu betrachten. Man lernt vieles unterbewusst – beispielsweise das eigenverantwortliche Lernen. Spätestens für das Praxissemester musste man eine Idee entwickeln, wohin man beruflich will. Doch meine gegenwärtigen Entscheidungen beruhen auf Praxiserfahrungen, die ich außerhalb des Studiums gemacht habe.
Vielen Dank für das Gespräch.
[Juli 2008]

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