Bibliothek im Wabenmuster – Wissensarchitektur nach dem Vorbild der Bienen
Von: Claudio Notz | 18. 04. 2008Die Idee schwirrt schon lange im Kopf herum: Es müsste doch möglich sein, eine wabenförmige Bibliothek zu bauen. In ihrer Form sind Bienenwaben nämlich äußerst gelungene Fabrikate. Ein sechseckiger Grundriss für jede Zelle, man stelle sich die vielfältigen Einrichtungsmöglichkeiten vor! In dieser nahezu perfekten Gestalt schmiegt sich Zelle an Zelle, in denen Larven aufgezogen, Honig und Pollen gelagert werden.
[Quelle: Jakob Börner, Absolvent Department Design]
Honigsüße Energie lagert in den Bienenwaben, welche die Voraussetzung jedes Bienenlebens darstellt. Lebenswichtig sind auch die ruhigen Stunden innerhalb der Bienenwaben. Es sind Stunden, in denen die Nachwuchs-Bienen angeleitet werden, bevor es in den geschäftigen Alltag geht: hier ein Schlückchen Nektar, da auf der schönen Blüte noch kurz ausruhen, um wieder in die aktive Umgebung der Waben zurückzukehren.
Wer sich Wissen und Erfahrung aneignen will, soll einen Zugang dazu bekommen. Er soll sich von der Energie, die in den Waben gespeichert ist, ernähren und mit dieser Nahrung eine Grundlage für sein eigenes Leben schaffen. Eine Gesellschaft, in der Wissen eine wichtige, ja gar eine primäre Rolle spielt, sollte das honigsüße Wissen mit der gleichen Sorgfalt behandeln wie die Bienen ihren Honig.
Der Erwerb von Wissen und den Fähigkeiten, sich selbst den Zugang zu allem Möglichen zu verschaffen, gehört in einem solchen Umfeld dazu. So wie sich die Bienen gegenseitig helfen, eine neue Zelle innerhalb der Wabe zu erschaffen, sollte es dazu gehören, dass sich die Wissens(er)arbeiter gegenseitig unter die Arme greifen und in ihren Zielen unterstützen. Jeder sollte vom Honig der nächsten Zelle kosten dürfen, eine gegenseitige Anstachelung zu immer besserem Honig ist die Folge.
So skizziert sich die Idee der Bibliothek im Wabenmuster. Sie geht aber noch weiter, denn nicht nur die Möglichkeit der gegenseitigen Hilfe ist in dieser Bibliothek wichtig, sondern auch die Möglichkeit, sich aus sich selbst heraus zu erweitern. So wie die Bienen unermüdlich neue Zellen an die Waben anschließen, um sich veränderten Bedingungen anzupassen, muss sich eine Bibliothek, die sich auch als Archivarin von zeitgenössischem Schaffen sieht, unentwegt den kulturellen Bedingungen anpassen. Sie soll dazu bereit sein, eine neue Zelle in das bestehende Wabenmuster einzubauen, auch dies wiederum in der gegenseitigen Hilfe.
Die Bibliothek im Wabenmuster müsste eine offene Stätte sein für alle Arten von Bienen, die sich innerhalb der Wabenwände wohlfühlen und am gemeinsamen Werk mitarbeiten wollen. Eine Werkstätte der gegenseitigen Hilfe, die jedes Individuum in seinen Projekten unterstützt. Ein Ort, an den es sich nach Höhenflügen zurückzukehren lohnt, weil die kommende Generation darauf wartet, aus den Startlöchern zu kommen und selbst zu Höhenflügen anzusetzen.
Auf, dass sie ausfliegen!
[April 2008]

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