Nicht untergehen
Von: Maria Skov Pedersen | 15. 03. 2010Die Frage, die sich jeder Fotograf zu Beginn seiner Karriere stellt, ist: »Und wie bekomme ich jetzt meine Arbeiten ins Magazin?«. Wir waren beim Stern, um zu sehen, wie die Bildredaktion eines der größten deutschen Nachrichtenmagazine arbeitet. Dazu treffen wir die Bildredakteurin Petra Göllnitz. Unmengen von Fotos lagern auf ihrem Bildschirm. Von denen hat sie heute (es ist halb drei) schon 9.000 aus verschiedensten Quellen erhalten. Es gibt alles, vom Unterwasserfoto, auf dem ein Mann mit einem Wal schwimmt, bis hin zu unzähligen Fotos aus Haiti. Die meisten davon sind zu grausam, um gedruckt zu werden. Auch ihr fällt es schwer, diese immer wieder anzugucken, aber die Auswahl muss getroffen werden.
Frau Göllnitz, worin besteht die Arbeit als Bildredakteurin?
Die Aufgaben der Bildredaktion bestehen darin, das Verbindungsglied zu sein zwischen den Bildern, die von draußen kommen und dem Text, der im Magazin erscheinen soll. Es gibt verschiedene Wege, an Bilder zu kommen; es gibt Autobahnen, Landstraßen und kleine Trampelpfade und alle diese Wege beschreiten wir. Alles, was es irgendwo an Bildern und optischen Dingen gibt, die dem Stern gehören, erarbeiten wir. Wir haben einen festen Stamm von Fotografen, mit denen wir arbeiten – die können wir bitten, loszugehen und in unserem Auftrag Fotos zu machen, die wir bezahlen. Wir haben die Möglichkeit, die Angebote der Agenturen durchzusehen, aus denen wir Bilder holen und wir gucken in den Archiven. Oft gibt es Bilder, die uns Fotografen als freies Thema anbieten und manchmal benutzen wir schlichtweg Bilder aus den Privatalben. Das ist häufig bei Kriminalgeschichten der Fall, wenn die Menschen gar nicht mehr leben oder vermisst werden.
[Petra Göllnitz | Fotografie: Maria Skov Perdersen, info-parkour.de]
Hat Stern noch fest eingestellte Fotografen oder arbeiten alle freiberuflich?
Es gibt bei uns insgesamt zwei fest angestellte Fotografen und wenn sie in den Ruhestand gegangen sind, wird es beim Stern keine fest angestellten Fotografen mehr geben. Das ist eine Ära, die, glaube ich, in den goldenen Siebzigern entstanden ist, aber jetzt ist sie vorbei. Damals hat man dafür gesorgt, dass die besten Fotografen, die es im Land gibt, für uns arbeiten, indem man sie an uns bindet. Das tun wir übrigens auch mit Fotos – wir kaufen sie für uns. Wir sind immer im Wettstreit und sehen immer zu, dass wir die besten Bilder haben und dass wir sie am schnellsten bekommen. Stern ist das größte illustrierte Magazin in Europa und was die optischen Dinge betrifft, ein großer Maßstab. Für Themen, die schwierig zu bebildern sind, wird oft mit Illustrationen gearbeitet, wie zum Beispiel bei der Schweizer Steuergeschichte.
Wie sollte man als junger Fotograf zu Ihnen kommen?
Ist es sinnvoll, sich vorzubereiten? Ja! Junge Fotografen sollen sich erst mal ganz intensiv damit beschäftigen, wo es hingehen soll. Ich erlebe ganz oft, dass junge Fotografen hierherkommen ohne überhaupt zu wissen, was wir hier machen oder den Stern gar nicht kennen. Es gibt auch Fotografen, die gerade nicht wissen, dass sie beim Stern sind und denken, sie sind beim SPIEGEL! Das erste, was man machen muss, nachdem man einigermaßen weiß, in welche Richtung man als Fotograf gehen will, ist, sich eine Woche in einem Kiosk einsperren zu lassen. Da wird ziemlich schnell klar, welches Profil zu einem passt. Seebilder gehören zu Mare, die Modefotografin wird vielleicht nicht als allererstes zum Stern laufen, sondern vielleicht zur Brigitte. Wenn man die passende Zeitung gefunden hat, muss man sich mit dem Impressum beschäftigen. Es gibt nichts Peinlicheres als Fotografen, die hierherkommen und nicht mal wissen, welche Strukturen wir hier haben und wer was macht. Man muss sich in der Fotoredaktion melden und dann wird man meistens gefragt, was man fotografiert. Je nachdem, ob man Sport, Reisen, Inszeniertes oder etwas anders fotografiert, wird man zu demjenigen geschickt, der damit arbeitet. Wenn man dann mit uns spricht, muss man so viel Persönlichkeit und Ideenstärke haben, dass wir den Fotografen in irgendeiner Form verinnerlicht haben. Wir werden ja hier überflutet von Bildern, ich habe 3.000 Namen in meiner Adressdatei! Man muss dafür sorgen, da nicht unterzugehen, damit ich bei einem bestimmten Thema an den Fotografen denke.
Gab es in letzter Zeit einen Fotografen, der Sie besonders beeindruckt hat?
Ja, es gibt einen Berliner Fotografen, der sich viel mit Reportage beschäftigt und über Wagenburgen eine ganz lange, schöne, sehr ausführliche Reportage gemacht hat. Das hat mir sehr gefallen. Ein junger Student. Was ich besonders mag, sind Langzeitgeschichten, bei denen man dranbleibt. Also wenn es eine Geschichte gibt mit einem Anfang und einem Ende, aber das Ende offen ist. Oder Geschichten, die rund sind, die einen Film abspielen, Geschichten, die schöne Ideen beinhalten, wo mit Witz und Humor gearbeitet wird. Was mir nicht gefällt, ist das, womit wir natürlich sehr häufig konfrontiert werden – diese moderne Bildsprache, bei der man irgendwo reingeworfen wird und plötzlich in ein Auge reinschaut oder eine Falte. Wenn man irgendein Detail eines Details hat, aber ich nicht weiß, wo ich mich befinde und mir keine Stimmung vermittelt, meine Fantasie nicht anregt. Es gibt auch so etwas wie modernistische Fotografie, bei der man einfach schick fotografiert, aber es hat keine Seele. Bilder müssen Seele und Charme haben. Man muss sich als Fotograf offen halten, nicht nur eine Sache fotografieren. Das Leben ist lang und man begegnet vielen Sachen. Ich würde alles ausprobieren, aber ich würde, wenn ich mich präsentiere, mich nicht mit allem präsentieren. Ich will nicht sehen, was jemand im Grundstudium gemacht hat. Es gibt auch sowas wie diese ewige Freunde- oder Freundinnenfotografie, man erkennt so was sofort. Das ist alles no-no-no. Es muss was Neues sein. Und dass man fotografieren kann, davon gehe ich aus. Ich muss ein Profil erkennen.
Wie viele Bilder sollte man normalerweise in einem Portfolio haben?
Es hängt ja komplett davon ab, was man zu präsentieren hat. Ich kann diese Frage nicht beantworten, es hängt von dem Gefühl des Fotografen ab. Wenn man große Geschichten präsentiert, dann müssen sie auch eine anständige Bilderanzahl haben, vielleicht 15 bis 20 Bilder. Dazu brauche ich natürlich trotzdem noch eine Porträtreihe.
Hat man als junger Fotograf überhaupt noch eine Chance auf dem Markt?
Man hat eine Chance, aber momentan vielleicht nicht so sehr in großen, etablierten Magazinen, andererseits muss man ja nicht unbedingt beim Stern anfangen. Diejenigen, die schon seit 20 Jahren dabei sind, haben es einfacher. Es sind schwere Zeiten, aber junge Menschen sind da reingeboren, werden damit groß, sind daran gewohnt. Und als Fotograf hat man einen ganz wunderbaren Job, der einem ganz viele verschiedene Richtungen offen lässt. Fotografen haben ein schönes Handwerk und einen der schönsten Berufe, die es gibt. Und dann muss man natürlich zusehen, dass neben der Fotografie auch die guten Ideen da sind und dass man den Mut hat, sie auch umzusetzen. Sie zu verkaufen muss man ebenfalls können und dazu gehört natürlich, dass man weiß, wie man Bilder aufbereitet, wie man sie beschriftet, versendet, wie man eine Rechnung schreibt, wie man um den Preis verhandelt. Und ganz wichtig ist es natürlich, dass man, wenn man mit einem Redakteur unterwegs ist, auch kooperativ ist, dass man mit dem Schreiber zusammenarbeitet und im besten Fall sogar gemeinsam eine Idee erarbeitet. In einer Geschichte muss man sich klarmachen, wer der Hauptakteur ist und genügend Bilder davon machen. Man muss eine ausgewogene Anzahl an Quer- und Hochformaten haben, damit auch der Grafiker eine Möglichkeit hat, zu spielen. Man muss, wenn man eine Geschichte macht, auch wirklich wissen, wo man sich befindet. Ist es da warm oder kalt, ist es eine Wohnung oder eine Hütte, wie sieht es dort aus? Oder wenn ich im Freien bin, wie riecht es da und und und.
Wie sind Sie Bildredakteurin geworden?
Ich habe Kulturwissenschaften studiert und mich immer wieder mit Fotografie beschäftigt, beherrsche auch selber das Grundhandwerk. Ich habe dann, nachdem ich mit meinem Studium fertig war, am Anfang einen Jugendklub gehabt und in dem habe ich immer wieder Fotoausstellungen organisiert und später – ich komme ja aus der DDR – bei mir immer die DDR-Fotografen versammelt. Ich habe dann irgendwann angefangen, über Fotografie zu schreiben und habe auch Filme über Fotografie gemacht, also mich der Fotografie von vielen Seiten gewidmet. Ich bin intermedial. Man kann sich nicht nur auf Fotografie als Print verlassen, sondern muss sich dem Online öffnen, sich mit allen Formen der Multimediadarstellung von Fotografie beschäftigen, möglicherweise auch Fotografie mit Film verbinden. Die Zeiten, in denen man ein Foto macht, das schön printet und dann eine Zeitung damit bestückt, werden vielleicht in zehn Jahren vorbei sein.
Vielen Dank für das Gespräch.

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