Don’t be evil?

Von: Massimo Tomadon | 23. 10. 2008

Im Alltagsbewusstsein der Mediengesellschaft ist die Internetsuchmaschine Google bisher eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit gewesen. In ihrer Bedeutung als Schnittstelle im und zum Web hat das US-Unternehmen in noch kürzerer Zeit denselben Monopol-Charakter erlangt wie die allpräsente Firma mit Sitz in Redmond mit ihren Betriebssystem- und Software-Produkten. Ein für den Kultur- und Wirtschaftsraum Internet zwar nicht untypischer Aufstieg, aber dennoch beachtlich, sind doch Suchmaschinen eine relativ junge Schlüsseltechnologie des Internets. Selbst der in diesem Zusammenhang gerne strapazierte Begriff »Start-up-Unternehmen« – paradigmatisch für Unternehmungen, die aus einer Garage heraus zu Global Playern avancieren, nimmt sich vor der aktuellen Bedeutung von Google hinsichtlich Markt- und Medienmacht verharmlosend aus. Ein Kommentar.

Auch wenn sich Wissenschaft und populäre Medien zunehmend mit Google befassen; die Problematisierung des Konzerns ist im Verhältnis zur Nutzung und Marktrelevanz unverhältnismäßig gering. Dieser Widerspruch spiegelt sich auch in dem bislang seltsam (un)reflektierten Image des Unternehmens, das im öffentlichen Bewusstsein als harmlos, neutral und sogar freaky gilt. Der Slogan »Don’t be evil« gilt als weithin bekanntes Corporate Motto, dessen Bedeutung im Licht der lauter werdenden Kritik ins Kippen gerät.

Auf gut Glück!

Zunehmend erzeugen und transportieren die populären Medien durch eine vermehrte Berichterstattung so etwas wie ein Problembewusstsein ob des von vielen genutzten Web-Giganten. Berechtigterweise, auch wenn sich das bisweilen populistisch anhört, etwa wenn von der »Weltmacht Google«, der »Google-Falle« oder gar einer »Datenkrake« die Rede ist. Desinteresse ob der Expansion von Google erscheint aber ebenso unangebracht wie Panikreflexe oder Kulturpessimismus.

Google ist trotz seiner expansiv aufgestellten Unternehmensstrategie technologisch und kulturell ambitioniert wie innovativ, zudem prägt und pflegt Google gleichermaßen offene Web-Standards, und arbeitet mit nationalen wie internationalen Organisationen zusammen – ein Unternehmen mit Ambitionen zu (Selbst-)Regulierungsvereinbarungen. Dass Google eine theoretische wie praktische Herausforderung der Informationsgesellschaft ist, steht außer Frage. Welches sind nun die Problemfelder?

Googles Marktmacht – Alles nur Werbung?

Zu den traditionellen Kritikpunkten gehören seit Langem die wirtschaftlichen Implikationen in Bezug auf das Geschäftsgebaren von Google, ein in vielerlei Hinsicht verständliches Thema. Google ist als Internetsuchmaschine mit Suchanfragen und Suchmaschinen-Marketing in kurzer Zeit im Hinblick auf Einnahmen und Einfluss Firmen wie Microsoft, IBM oder dem weltgrößten Medienunternehmen Time Warner überlegen. Schon ist auf dem vom Konzern dominierten Internetmarkt von einem »Googlepol« die Rede. Google bezieht seine Haupteinnahmen nicht direkt aus den Suchanfragen oder Diensten wie GoogleMaps oder GoogleMail, sondern mit Werbung und Marketing.

Mit Produkten wie AdSense oder AdWord und den spektakulären Firmenübernahmen (YouTube, DoubleClick, blogger.com) wird dabei eine wirtschaftliche Hegemonie erreicht, die nicht nur marktpolitische Konsequenzen hat. Dabei steht nicht nur die monopolartige Position im Wirtschaftsgefüge zur Debatte. Vor allem die technischen Fallstricke beim Keyword Advertising führen zu negativen Effekten bei Anzeigenkunden wie deren mehr oder weniger freiwilligen Nutzern. Der als Search Engine Optimizing (SEO) florierende Nebenmarkt agiert zum Teil in einer für alle Beteiligten nicht immer legalen, fairen oder transparenten Zone. Dort wird der Content (Text und Code) einer Website dahingehend »angepasst«, dass die automatischen Such- und Rankingalgorithmen von Google die Website entsprechend bei den Suchergebnissen gewichten.

Derartige Manipulationen führten nicht selten zu fragwürdigen Suchergebnissen oder gar der Verbannung aus dem Google-Index, was vor allem für gewerbliche Online-Präsenzen einer Exkommunikation gleichkommt. Auch Spambelastung und Urheberrechtsverstöße rücken bei dieser Dominanz im Web in den Vordergrund. Und noch eine weitere Strategie des Konzerns wird vielleicht langfristig aufgehen und die ohnehin mächtige Marktposition ausbauen: Die beliebten privat wie gewerblich genutzten APIs (Schnittstellen) für Dienste wie GoogleEarth sind zwar offen zugänglich und wohl dokumentiert – allerdings unter der Bedingung, dass man sich mit einem Google-Konto registriert. Und mit Diensten wie Google Text&Tabellen oder neuerdings mit dem Browser Chrome lässt Google Desktop (Nutzer) und Netz (Google) weiter miteinander verschmelzen. Eine für Nutzer wie Wirtschaft zumindest untersuchungswürdige Entwicklung.

Googles Medienmacht – Gatekeeper wider Willen?

Ein dem Technology-Push der Webentwicklung hinterherlaufendes Problem ist die Untersuchung, Bewertung und Beurteilung des Einflusses von Google auf die Medienproduktion, insbesondere auf Journalismus und Berichterstattung. Wenn Keyword Advertising, Suchworthäufigkeit und Seitenaufrufe für Werbung und Marketing kompromittierbar sind durch Manipulation und SEO, wie steht es dann im Hinblick auf Recherche und Informationssuche um die Qualität von Nachrichten, Berichten und Diskursen?

Auch wenn durch das Web die für demokratisch verfasste Gesellschaften wichtige Medienvielfalt durch mehr Vertikalisierung (Alternativ- und Nano-Publishing) und Beschleunigung geprägt ist, und Suchmaschinen wie Google gerne auf die vermeintlich neutralen Suchalgorithmen verweisen – eine Gatekeeper-Funktion übernimmt der Suchwerkzeug-Hegemon damit bestimmt. Ist Google also ein unbeteiligter Informations- und Nachrichtenticker für alles und jeden? Die problematische Zusammenarbeit mit der chinesischen Regierung um eine entsprechend gefilterte (zensierte) Suchergebnisliste gehört zu den populärsten Beispielen für die Bedeutung von Google. Über die Zusammenarbeit mit anderen Regierungen ist dabei weniger bekannt. Googles konkrete Unternehmensstrategie und Informationspolitik selbst ist hierbei nicht immer konsistent. Eine pragmatisch-marktorientierte »Zusammenarbeit« mit autoritären Regimes ist für große Konzerne eine Tradition, typisch, ein Vorgang, der mindestens so alt ist wie der Kapitalismus selbst.

Googles Datenhunger – Inkarniert Big Brother als Suchmaschine?

Mit Statistiken über Suchanfragen, konkreten Suchbegriffen über Nutzergruppen und Nutzerprofilen steht und fällt jeder Werbe- und Marketingmarkt. Bei jeder Suchanfrage, bei jedem Klick fallen Daten an, die als Nutzinformation für die Werbe- und Marketingwirtschaft relevant sind. Traffic, Klicks und Views werden dabei als Anzeiger für Relevanz und Aufmerksamkeit gewertet und bestimmen Marktwert und Marktpotenzial einer Website oder eines Portals. Jeder Internetnutzer hinterlässt so mehr oder weniger personalisierbare Spuren. Und das fängt bereits bei Aufruf und Suchworteingabe einer Suchmaschine an. Google gilt schon per default als erste Adresse im Suchfeld der meisten aktuellen Browser und dominiert damit als Suchmaschine für das WWW seine anderen Mitbewerber Yahoo!, ebay und Amazon. Das gilt umso mehr, als dass es über eine allgemeine Websuchanfrage hinaus eine Vielzahl anderer Such-Produkte gibt, die über die Spezialsuche von Bildern oder Blogs hinausgeht, wie zum Beispiel die Dienste GoogleMaps und GoogleEarth. Sieht man also vom laufenden Generieren von Nutzerdaten während Suchanfragen oder der Nutzung von Diensten einmal ab, ist durch die Aufkäufe von blogger.com, YouTube und der Zusammenarbeit mit MySpace ein Datenaufkommen möglich, das in der Öffentlichkeit zunehmend als bedrohlich wahrgenommen wird. Zusätzlich verschärft wird das durch die neue Unbefangenheit vieler Anwender und Nutzer von so genannten Web-2.0-Angeboten, die naiv, freiwillig und auch lustvoll persönliche Daten herausgeben. Persönliche wie institutionelle Datenschutzerwägungen sind der Generation des Volkserhebungsboykotts der 80er Jahre ebenso fremd geworden wie die junge Generation 2.0 unreflektiert mit Accounts, privaten Angaben und Profilen umgeht. Sind die von uns so geschätzten Internetangebote und Google-Produkte nur dann so effektiv und innovativ, wenn man unsere »Online-Erfahrung« mittels Cookies und Clicks mitschneidet? Heißt es bald: »Kunden, die diese Anwendung kritisiert haben, kritisierten auch: …?«

[Oktober 2008]

Weitere Infos gibt es hier: Website der FAZ

noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

info-parkour bei