Die Kultur des Weblogs

Von: Marc-Alexander Holtz | 18. 04. 2008

Die Kultur des Bloggens führt in Deutschland – wider aller Studien – ein Mauerblümchendasein. Der Blog-Hype bleibt aus. Die Blogkultur ist unverändert die niedere Schwester der hohen Publizistik.

Der Weblog genießt als Publikationsform lange noch nicht das Ansehen der Tageszeitungen, des Fernsehens, der Fachpresse. Natürlich – je nachdem, wer über welche Formen spricht, je nachdem, ob das Auge des Betrachters ein im Multi-Media-System Internet geschultes, das Urteil ein differenziertes ist.

Als Broterwerb dient er in unseren Landen wenigen. Ein paar mehr Menschen wissen, was in ihnen geschrieben steht – in der Regel die, die wir selber schreiben, natürlich die, die darin lesen, die sie gebrauchen und eben jene, die über sie Urteil sprechen. Daran wird sich bis morgen kaum etwas ändern. Immer noch wird nach dem Grad der Professionalität, Glaubwürdigkeit oder der Neutralität der Blogosphäre gefragt. Noch immer werden Tagebuchschreiber mit so genannten, in der Blogosphäre maßgeblichen Alpha-Bloggern verwechselt.

Früh haben die (Faxen-)Macher des Internets, Experten der PR-Industrie – um vollmundige Sprüche selten verlegen – den Weblog in ihren näheren Betrachtungen emporstilisiert, die Fachpresse ihn spiritualisiert. Die deutsche Blogosphäre hat Humor, doch fehlt ihr Biss an vielen Stellen. Die kommerzielle Nutzung dieses Instrumentariums werde größer, und große Konzerne können sich der Macht des Weblogs nicht mehr entziehen, heißt es innerhalb imagekreierender Netzwerke. Im ganz normalen Leben wissen wenige, was das ist – ein Weblog. Genauso viele glauben zu wissen, was es sei, nämlich Web 2.0.

Und dennoch: Die PR-(Vorzeige-)Agentur Edelman zeige, so ein Branchen-Insider, in ihrem »Trust-Barometer«, dass an erster Stelle der vertrauenswürdigsten Personen für Menschen im Allgemeinen der Arzt stehe, dahinter aber Menschen des alltäglichen Lebens. Und Menschen des alltäglichen Lebens sind laut dem »innovation report« jene, denen kein eigener Nutzen für ihre Aussagen zugeschrieben wird. Im Gegensatz zu Äußerungen von Unternehmen oder Marketingverantwortlichen. Also Blogger, so das Resultat. Viele feiern sich selbst.

Mit Macht soll eine neue Formenvielfalt der Alltagskultur, der wiederum Experten auratische Kraft und erschütternden Einfluss prophezeien, in die Tempel der Hochkultur einbrechen. Am Ende bleibt wenig mehr als Salatschüsseln, gefüllt mit verheißungsschweren Attributen, nach Erfolgsrezepten der Marketingexperten gewürzt, inzwischen zugedeckt, mit den Druckpapierseiten des Feuilletons. Die Betonung auf das Neue, auf den Weblog, auf die Durchschlagskraft ist Verheißung und bleibt stecken, im Web 2.0. Ein paar erwähnen bereits das Web 3.0.

Natürlich gibt es in Deutschland und auch im Gewerbe des schreibenden Handwerks innerhalb multimedialer Systeme, in Form der Bloggerszene, wie auch in Frankreich, in den USA kulturellen Wachstum, ästhetische Sensibilisierung, noble Haltungen, tiefe Gesinnungen, hohe Künste und feine Poesien, selbst Handlungsmöglichkeiten durch Informationsvermittlung – doch ist die öffentliche Aufmerksamkeit wohl bei den Diskussionen um Interaktivität und Web 2.0 aus der Kurve geraten. Diese Öffentlichkeit verlangt nach kommerzieller Entwicklung und weniger kulturellen Ambitionen. Gewünscht ist Attraktivitätssteigerung. Doch die Nutzerbedingungen der frei zugänglichen Blogsoftware, für jedermann handhabbar, erfordern keine Kompetenzen, die zur Steigerung jedweder Attraktivität eines Weblogs zuträglich wären. Sie erfordern genauso wenig Lesbarkeit.

Der Weblog ist ein Werkzeug – zur Selbstdarstellung einiger, zur Vertrauensbildung und Kundenbindung anderer. Seine Prototypen hat man auf das Podest der Interaktivität gehoben. Dort, in meist elitärer Höhe, treffen sich Experten in Workshops, um deren technologische Innovation zu messen. Innovationsgedanken spielen heute im Kaufhaus Internet eine zentrale Rolle. Jedes Objekt in diesem virtuellen Raum der Ortlosigkeit, der heute keinem Museum und auch keiner realen Müllhalde mehr nachsteht, war schon einmal eine Innovation.

Noch immer zeugt ein reges Interesse der letzten Nachzügler, die bis heute eine Mehrheit bilden, von extremem Nachholbedarf an Teilhabe an den Innovationsprozessen des Internets, vom Nutzen der Interaktivität und der Macht von Weblogs – wer kann noch ohne? Die Idealisierung der Innovation macht das Museum Internet zu einem Tempel der Hochkultur – in den Augen derer, die an dem Unterschied von Kommerz und Kultur, von Manipulation und autonomer Position bisher kein Interesse zeigten, weil Hektik und Stress sie davon abhalten vielleicht.

Die Hitparade der täglichen Multimedia-Studien über Verbraucherverhalten, Nutzungsdauer, Zielgruppen, Social Networks etc. wirkt auf den dreidimensionalen Warenkatalog Internet, beherrscht von einer einsamen Spitze, die sich darüber eher lustig macht, dass man jedes neue Produkt unter den Usern als Manifest versteht. Der Weblog war auch eines – heute ist er eher ein rokokoartiger Kitsch, inzwischen einheitlich für jeden Intellekt handhabbar und als Freiheitsgarant für jedermanns unendliche Kreativität zur Belieferung unser aller Intelligenz. Wenn es nur so wäre. Ein Weblog ist ein sprechender Gegenstand, eine Übersetzung der jeweiligen Persönlichkeiten seiner Betreiber, zur Förderung von Emotionen, poetischer Werbung und politischem Charme. Er birgt Möglichkeiten.

In Deutschland ist er noch immer nicht mehr als eine profane Erfindung, wenig geschätzt, der Banalität noch nicht enthoben. Sein Gebrauchswert dient der Verführung des Einzelnen, jedoch noch keinem bedeutsamen Zweck, könnte man meinen. Die wenigen, die der Tradition der Träumerei, dem Stereotypen Rattenfänger durch Selbstbestimmung entkommen sind, schweigen laut, doch in der Gesellschaft unbemerkt. Der Warentempel Internet dient in Deutschland dem Vergnügen, der Performance, der Selbstdarstellung, mit dem Etikett der Avantgarde und dem Gefühl, voraus zu sein.

[April 2008]

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