Bloggen im Westjordanland
Von: Marc Alexander Holtz | 17. 08. 2009Er ist verlinkt auf der Online-Praktikantenübersicht des Goethe-Instituts. Nicht irgendeinem der 149 weltweit – Ingo Eggert (24) ist am Goethe-Institut »Palästinensische Gebiete«. Um seine Erfahrungen dort geht es in seinem Blog »Ingo in Ramallah. Ein Praktikums-Blog«. Ingo studiert eigentlich in Hamburg Medien und Information. Gerade ist er jedoch in Ramallah Praktikant. Drei Monate wird er in Palästina bleiben. Vier Monate hat er zuvor bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hamburg in die Berufspraxis hineingeschnuppert. Nach dem Bürojob wollte er reisen. In den Mittleren Osten. Von dort berichtet er nun im Internet.
Während seines Praktikums genießt Ingo neben der Fremde auch die Kultur. Nicht nur die palästinensische. Das Netzwerk des Goethe-Instituts vermittelt in 91 Ländern Kultur, Sprache und Information über Deutschland. Ingo besucht Jenin, Hebron, Bethlehem, sieht Strände, Flüchtlingslager, Kinos und Filmfestivals. Während seiner Zeit am Institut schaut er Animationsfilme, Dokumentationen über Kriegsdienstverweigerer oder Menschen, die ihre Kinder in Minenfeldern verlieren. Ingo beschreibt, was er nicht vergessen möchte, was ihn beeindruckt. Er wohnt Lesungen bei, fährt nach Tel Aviv, um dort The Notwist live zu hören. The Notwist zählen zur deutschen Kultur und zu einer der erfolgreichsten Bands der deutschen Independent-Szene.

Tel Aviv sei Bauhaus-geprägt, schreibt Ingo auf seinem Blog. Diese Stadt habe wenig zu bieten, selbst das Rathaus sei für ihn »ein Schlag ins Gesicht«. Von seinem Hostel aus geht er fünf Minuten zum Strand. Die Atmosphäre der Stadt zieht ihn – wider Erwarten – doch in den Bann. Er zitiert etwa später eine Freundin: »Tel Aviv ist wie Berlin am Meer.«
Ingo will Fremdes in Worte fassen, sucht Beschreibungen, umschreibt es mit »Willkür«, »Arroganz« oder »Dominanz«. Seine Notizen zu Stacheldrähten, Wachtürmen, Mauern und schlecht gelaunten israelischen Soldaten, die nicht nur ihn auf Hebräisch anbrüllen, sind persönlicher als die Berichterstattung der Tageszeitungen, die wir konsumieren.
Mit dem Bus fährt er nach Jerusalem. Über die Checkpoints, die Road Gates, berichtet er. Über Wartehallen, Gänge, vergitterte. Sicherheitschecks, Überwachungskameras, Metalldetektoren, Röntgenapparate für Jacken, Taschen und Rucksäcke. Soldaten hinter dickem Panzerglas. Ingo Eggert studiert Medien und Information am Berliner Tor in Hamburg, an der Fakultät Design, Medien und Information (DMI). Er ist nach Palästina gegangen. Für drei Monate.
Für ihn stellen sich die täglichen Kontrollen an den Checkpoints als Schikane heraus. Als Westeuropäer nimmt er die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit wahr. Die Besetzung.

Die Willkür, die Diskriminierung, trifft auch ihn. Er geht immer wieder an der Mauer entlang. Auf dem Weg von al-Ram nach Ramallah. Manchmal gibt es auch Schnittchen zusammen mit Getränken für ihn. Dann besucht er Ausstellungseröffnungen. Danach schreibt er über sie. Über alles, was er erlebt, schreibt er. Man feiere die führenden Cartoonisten der arabischen Welt, schreibt er. Er fotografiert sie, um Ausschnitte ihrer Zeichnungen auf seinem Blog zu publizieren. Genau wie die aufgeschlitzten Schädel von Rindern, die er ablichtet (»Achtung! Einige Bilder vom Markt sind etwas … unappetitlich.«) oder die Rekrutierungsplakate für potenzielle Märtyrer.
Er berichtet vom Askar Refugee Camp. Ein Flüchtlingslager in der West Bank. Ingo schreibt von »Zone A«, der »Zone B«, der Zivil- und von der Militärverwaltung. Die Fotos auf der Website dokumentieren die Einsichten, die er bekommt. Er besucht noch andere Lager.
An einem weiteren Tag entstehen Fotos mit einer Zirkusgruppe. Er schaut den »Mann ohne Musik«. Ein Stück gegen die Verzweiflung, die Wut und die Hoffnungslosigkeit. Nicht Perfektion, sondern bedingungsloser Einsatz der Darsteller sei Mittelpunkt der Show, hält er fest. Er scheint in viele Gespräche verwickelt, nach Informationen rund um die entstehenden Fotografien suchend. Er will etwas vermitteln. Kleines, Schweres, Komplexes und Schönes.
Alles Große in unserer Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut als er muss, heißt es.
Ingo findet in Ramallah etwas Heimat, wenn auch nur ein Stück in Form einer Dose »Rügenfisch – Feinschmecker Platte«. Auch die wird fotografiert. Er will Details und er will, dass wir teilnehmen, wie er das Fremde und das Gemeinsame erlernt. Über den Rügenfisch freut er sich. Genauso über andere Studenten aus Deutschland, denen er begegnet. Und dann lernt er wieder Fremdes: wie die Palästinenser in Hebron ihre Gassen gegen Wurfgeschosse der jüdischen Siedler schützen. Und schließlich lernt er Taybeh Beer kennen, »gebraut in Ramallah und ›hand-crafted in small batches in German traditional style‹. Mit Drehverschluss«. Das klingt wieder nach Heimat.

Ingo macht Fotos von Mahmud Darwisch, zu Lebzeiten bereits moralische Instanz des palästinensischen Volkes. Kritiker der israelischen Politik. In Tel Aviv geht er abends an den »Banana Beach«, macht Fotos. Sonnenuntergang. Frieden. Nachdem ich Ingo den Text zur nochmaligen Gegenlese nach Palästina schicke, vermerkt er: »›Frieden‹ streichen. Die Israelis haben den Palästinensern hier eine Besatzung aufgedrückt und kontrollieren alle Checkpoints und Grenzübergänge der West Bank. Da wäre es fahrlässig, Israel/Tel Aviv als Platz des Friedens darzustellen.«
Weitere Infos gibt es hier: Praktikums-Blog von Ingo Eggert ; Homepage des Goethe-Instituts in Ramallah

Die Checkpoints des IDF sind also Schikane? ich frage mich, ob der Autor das auch noch behaupten würde, wenn er in einem israelischen Bus plötzlich neben einem Selbstmordattentäter sitzt.
Ich lebe in Israel und muß als Folge des Terrors ebenfalls endlose lästige Sicherheitssperren passieren. Kein Parkhaus, keine Schule, kein Supermarkt und kein öffentliches Gebäude ohne Schlangestehen, Tasche öffnen, Tascheninhalt begutachten lassen. An manchen Tagen werde ich bis zu 20mal kontrolliert.
Ohne Terror keine Checkpoints, ganz einfach. Vor Intifada I gab es sie nicht. Aber das ist ja sooo lange her, da gab es den Ingo ja noch gar nicht.
Meint Ingo nicht, daß seine Altersgenossen auch lieber in der Welt rumreisen würden, als drei Jahre ihres jungen Lebens der Armee zu opfern? Aber nur keine Empathie mit Israelis.