Dass Studenten die Ideen fremder Autoren als die eigene geistige Leistung ausgeben, ist an Hochschulen keine Seltenheit. Mit verschiedenen Maßnahmen versuchen Universitäten, dem fehlenden Unrechtsbewusstsein plagiierender Studenten entgegenzuwirken. Darüber hinaus gehört Copy & Paste nicht zu den Kompetenzen, die durch ein Studium vermittelt werden sollen. Am Ende schaden die Studenten vor allem sich selbst.
Kein Student kommt daran vorbei, während seines Studiums eine wissenschaftliche Haus- oder Abschlussarbeit verfassen zu müssen. Und das nimmt im Regelfall eine gewisse Zeit in Anspruch, die dann nicht für vermeintlich attraktivere Freizeitbeschäftigungen zur Verfügung steht. Da mag es verlockend sein, die bei der Recherche ausgemachten, oft bereits beeindruckend formulierten Textpassagen der durchforsteten Quellen einfach zu übernehmen und die Kennzeichnung des Urhebers wissentlich zu vergessen. »Merkt doch eh keiner«, könnte man meinen und das trifft – sofern man nicht gerade Wikipedia mithilfe von Copy & Paste ausschlachtet – in den meisten Fällen wahrscheinlich auch zu. Der korrigierende Professor bzw. Dozent muss schon eine Menge Zeit aufbringen, wenn er die aus nicht angegebenen Quellen stibitzten Textstellen ausfindig machen möchte. Ob die Zeit vorhanden ist, ist fraglich.
Der Student hat also etwas seiner kostbaren Zeit eingespart, den Leistungsnachweis dennoch in der Tasche und vielleicht ein schlechtes Gewissen. Vielleicht. Mit Sicherheit aber hat er sich des Plagiarismus schuldig gemacht. »Der Begriff hört sich wie eine krasse Straftat an«, so eine Studentin (24) vom Department Information der Fakultät für Design, Medien und Information (DMI) an der HAW Hamburg. Stimmt. Und wenn man der Begrifflichkeit auf den Grund geht, wird diese Assoziation noch bestärkt. »Plagium«, der lateinische Wortursprung, bedeutet übersetzt »Menschenraub«. Erstmalig verwendete der römische Dichter Martial diesen Begriff, als er herausfand, dass ein gewisser Findentinus seine Werke als die eigenen ausgab. Martial war darüber mächtig erbost und verglich den Diebstahl seines geistigen Eigentums mit dem Raub von Kindern. Auch wenn der Vergleich vielleicht etwas hinkt: Von diesem Zeitpunkt an gab es eine Bezeichnung für das unrechtmäßige Aneignen fremder Ideen und Gedanken. In der Wirtschaft wird unter Plagiarismus vor allem die Produktpiraterie verstanden, seit 1977 gibt es sogar einen Negativpreis für besonders extravagant kopierte Fabrikate, den »Plagiarius«. Die Trennung von Erlaubtem und Unerlaubtem regelt heute das Urheberrecht.
Im Hochschulkontext ist diesbezüglich häufig von »Wissenschaftlichem Fehlverhalten« die Rede. Das klingt zwar harmloser, meint allerdings das Gleiche. So steht in den Richtlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und zur Vermeidung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) geschrieben: »Wissenschaftliches Fehlverhalten liegt demgegenüber vor, wenn in einem wissenschaftserheblichen Zusammenhang bewusst oder grob fahrlässig ethische Normen verletzt werden, Falschangaben gemacht werden, geistiges Eigentum anderer verletzt […] wird.« Und geistiges Eigentum anderer wird nicht nur verletzt, wenn der exakte Wortlaut eines Autors ohne dessen Angabe kopiert wird, sondern auch dann, wenn eine fremde Idee oder eine fremde Argumentationslinie mit eigenen Worten, jedoch ohne die Angabe des Vordenkers übernommen wird. Nun geht es nicht um die ein oder andere vergessene Fußnote, sondern um die Fälle, bei denen die Toleranzgrenze eindeutig überschritten wird. Welche Konsequenzen es mit sich zieht, wenn man beim Plagiieren ertappt wird, sich also wissenschaftlich fehlverhält, steht in den einzelnen Prüfungsordnungen der verschiedenen Studiengänge festgeschrieben. Hier wird allerdings von Täuschungsversuchen im Allgemeinen gesprochen, was den Plagiarismus mit einschließt. Je nach Ausmaß des Ordnungsverstoßes entscheidet der Prüfungsausschuss, welche Sanktion angemessen ist. Der Prüfungsausschuss ist desgleichen die Anlaufstelle für Betroffene, die sich gegen einen Plagiatsvorwurf verteidigen oder selbst einen hervorbringen möchten, denn auch Professoren bedienen sich gelegentlich an den Erkenntnissen guter studentischer wissenschaftlicher Arbeiten. In den USA müssen Plagiatoren mit dem sofortigen Ausschluss vom weiteren Studium rechnen. An der HAW liegt die Höchststrafe allerdings bei einem »Durchgefallen« und der Notwendigkeit, die Prüfung zu wiederholen. Erst wenn alle dem Studenten durch die Prüfungsordnung eingeräumten Versuche, die erforderte Leistung wissenschaftlich korrekt zu vollbringen, aufgebraucht sind, droht die Exmatrikulation.
Dafür muss man natürlich erst einmal erwischt werden. Je nach Täuschungsgeschicklichkeit der Studenten ist das Plagiieren mal mehr, mal weniger risikobehaftet. »Ich kann mir vorstellen, dass es für einige Studenten eine Art Herausforderung ist, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel zu erreichen und das geschicktes Plagiieren hierbei als ein Werkzeug gesehen wird und man ja noch die schauspielerische Arbeit hat, dieses glaubwürdig als sein eigenes Material zu verkaufen«, spekuliert die bereits erwähnte Studentin aus dem Studiengang Medien und Information. Das Kopieren von Informationen aus Internetquellen zeugt sicher nicht von intelligentem Vorgehen und wird dementsprechend häufiger aufgespürt. Doch aufgrund welcher Faktoren schleicht sich bei Professoren und Dozenten das Gefühl ein, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht? Zwei Anhaltspunkte sind etwa der Lesefluss und das verwendete Vokabular. Wer seine wissenschaftliche Arbeit wie bei einer Collage aus Satzfragmenten unterschiedlicher Quellen zusammenschweißt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit wechselnde Sprachstile und Begriffsverwendungen integrieren und kann sich somit einer detaillierteren Betrachtung seines Werks gewiss sein. An zahlreichen Hochschulen in Deutschland, wie etwa der Helmut Schmidt Universität in Hamburg, wird darüber hinaus so genannte Plagiatsnachweissoftware verwendet, um arbeitsscheue Studenten zu entlarven. An der DMI bisher noch nicht. Nichtsdestotrotz ist der Markt für solche Prüfprogramme in den letzten Jahren rasant gewachsen. Sie funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Der Lehrkörper lädt das zu prüfende Dokument hoch, die Software vergleicht es mit den an sie geknüpften Datenbanken und verweist in einem zusammenfassenden Bericht auf die gefundenen Quellen, bei denen Übereinstimmungen im Textverlauf gefunden wurden. Externe Quellen können etwa Online-Portale wie hausarbeiten.de darstellen, intern wird jedes hochgeladene Dokument gespeichert und mit in den Prüfvorgang einbezogen. Mit plagiatcheck.de steht bereits ein kostenfreies Angebot zur Quellenanalyse von wissenschaftlichen Arbeiten zur Verfügung.
So simpel und attraktiv das für eine Hochschule auch klingen mag, gibt es gerade in Bezug auf die Speicherung von Hausarbeiten zum Zwecke der späteren Vergleichbarkeit rechtliche Unsicherheiten und Skepsis in den Reihen einiger Hochschulvertreter. Sinnvoller ist es wohl auch, das Problem bei der Wurzel anzupacken: dem fehlenden Unrechtsbewusstsein und der mangelnden Motivation zur selbstständigen Arbeit von plagiierenden Studenten. Dazu sei noch einmal besagte Richtlinie zum wissenschaftlichen Arbeiten an der HAW Hamburg zitiert: »Die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens und guter wissenschaftlicher Praxis sollen den Studierenden bereits zu Beginn ihres Studiums vermittelt werden. Dabei sollen Studierende zu Ehrlichkeit und Verantwortlichkeit in Wissenschaft und Forschung erzogen werden.« Dies gilt es konsequent umzusetzen, um dem entgegenzuwirken, was ein weiterer Student (30) des Departments Information wie folgt formuliert: »Einige würden wohl ohne Plagiate kaum den Status eines Studenten halten können. Es fällt schon auf, wenn jemand in höheren Semestern immer noch studiert, aber gleichzeitig das Wissen nur aus Bundesligatransfers oder Party-Locations besteht. Auf dem Arbeitsmarkt wird man sich dann aber später wiedersehen und dann trennen sich die Wege wohl schnell. Was unter diesen Leuten jedoch leidet, ist das Ansehen der Hochschule. Wenn sich vermeintlich gute Studenten einer Hochschule oder eines bestimmten Studiengangs immer wieder als fachlicher Leerkörper zeigen, wird der ein oder andere Personalentscheider bestimmt an der Qualität der Hochschule/des Studiengangs zweifeln.« Eine schriftliche Erklärung, die Abschlussarbeit eigenständig erarbeitet zu haben, um an das Unrechtsbewusstsein der Studenten zu appellieren, ist bereits Gang und Gäbe. Zunehmend werden solche Nachweise auch bei Seminararbeiten verlangt.
Noch wichtiger erscheint es allerdings, weitere Argumente dafür vorzubringen, warum sich wissenschaftliches Fehlverhalten im Interesse der persönlichen Entwicklung nicht rentiert. Wer plagiiert, verbaut sich selbst die Chance auf den Genuss essenzieller Gefühlszustände: Stolz auf die eigene Leistung, Erleichterung nach getaner Arbeit, Zufriedenheit mit den erlernten Fähigkeiten, Selbstbewusstsein durch den gezollten Respekt anderer.