Studium

Paris, Frankreich

Veröffentlicht am 16. Januar 2010

Annika Siems (25), Illustrationsdesign-Studentin, im Interview über ihr ERASMUS-Auslandssemester in Paris.

Aus welchen Gründen hast Du Dich für Frankreich entschieden?

Ich wollte schon immer besser Französisch lernen, da mich das kulturelle Angebot sowohl im Buch als auch im Magazin- und Filmbereich reizt.

Wie hast Du den Kontakt zur Hochschule hergestellt? Wie hast Du Deinen Platz ausfindig machen können?

Über unsere Hochschule. Die Ensad ist Partnerschule der HAW, außerdem haben wir über einen gemeinsamen Messestand auf der Kinderbuchmesse in Bologna regelmäßig Kontakt zu dieser und einigen anderen Schulen im Ausland.

Kannst Du Dich intensiv mit der Landessprache auseinandersetzen oder sprichst Du überwiegend Deutsch? Kommst Du mit der Fremdsprache klar? Welche Vorkenntnisse sind erforderlich? Wie haben sich Deine Kenntnisse seit Deiner Ankunft entwickelt?

Mit der Sprache habe ich wenig Probleme, da ich Französisch lange in der Schule hatte und eine Auffrischung an der Uni Hamburg gemacht habe. Zudem wohne ich in einer französischsprachigen WG. Meine Schule hier bietet zudem Französisch-Kurse für alle ERASMUS-Studenten an. Ich stelle es mir allerdings sehr schwer vor, hier sinnvoll zu studieren, wenn man zuvor kaum Französisch kann, da alle Kurse in der Landessprache stattfinden und man einfach nichts mitbekommen würde. Außerdem sollte man versuchen auch mit Einheimischen zusammenzuwohnen und nicht unbedingt mit Deutschen oder anderen Austauschstudenten, da man dann wahrscheinlich nur Englisch sprechen würde.

Bist Du mit Deinem Auslandsaufenthalt fachlich einen Kompromiss eingegangen?

Ja, auf jeden Fall. Fachlich war es etwas verschwendete Zeit. Alle Austauschstudenten kommen in das selbe Semester, unabhängig von ihrer Semesterzahl zuhause. Außerdem handelt es sich um ein sehr schulisches System, das keine Freiräume lässt. Vielleicht hätte es mir mehr gebracht, wenn ich früher gegangen wäre. Es ist hier nicht möglich, seine eigenen Schwerpunkte zu setzen und individuelle Entscheidungen zu treffen. Da ich in Hamburg so gut wie fertig bin, musste ich mich hier sehr einschränken und habe überwiegend Projekte gemacht, die mich entweder nicht interessiert oder mir nichts gebracht haben. Durch die hohe Kurs- und Stundenzahl ist es zudem nicht möglich, Projekte mit der von sich selbst erwarteten Qualität abzuschließen. Das habe ich als ziemlich frustrierend empfunden.

Wie und wo hast Du Dich im Vorhinein von Deutschland aus auf Dein Reiseziel vorbereitet?

Ich habe einen Französisch-Kurs an der Uni Hamburg gemacht, um vorhandenes aufzufrischen. Ich habe sehr rechtzeitig mit der Wohnungssuche angefangen und einige Leute kontaktiert, die bereits in Paris waren.

Wie viel Vorbereitungszeit war insgesamt nötig und war das im Nachhinein dann ausreichend? Was würdest Du heute anders machen?

Insgesamt ist das schwer zu sagen, da immer wieder zwischendurch etwas zu tun war. Die meiste Zeit hat definitiv die Wohnungssuche in Anspruch genommen. Ich würde heute früher anfangen, mich um Stipendien zu kümmern und da wahrscheinlich auch intensiver in der eigenen Hochschule nachfragen.

Hat die Vorbereitung des Auslandssemesters Deinen Studienerfolg oder -verlauf gefährdet/beeinträchtigt?

Nein, die Vorbereitung war nicht sehr kompliziert. Hat natürlich einige Zeit gekostet, aber das muss man wohl bei jeder Auslandserfahrung in Kauf nehmen.

Wie war die Hilfestellung bzw. Betreuung nach der Ankunft vor Ort?

Geht so. Die Bürokratie ist hier nicht besser oder weniger kompliziert als bei uns, dafür aber auf französisch … Die Uni scheint ebenso chaotisch organisiert. Aber letztendlich waren alle sehr hilfsbereit und wenn man fragt, dann bekommt man auch Antworten.

Welche Insider-Tipps kannst Du heute weiter geben?

Für die Wohnungssuche würde ich heute empfehlen, sich entweder an das Wohnheim zu wenden, die Cité Internationale (dort bekommt man schnell Kontakte zu anderen und es ist eine günstige Art zu wohnen). Wie gut es ist, kann ich allerdings nicht sagen. Man muss sich auch sehr früh um einen Platz bemühen.

Um eine Wohnung zu finden, ist wohl das beste Forum Appartager.com. Man sollte sich aber darauf einstellen, dass man vorher für ein Wochenende nach Paris kommen muss, um Wohnungen anzusehen, da der Ansturm sehr groß ist. Dafür ist CouchSurfing eine ziemlich praktische Sache, da man darüber direkt Leute kennen lernen kann, die einem gegebenenfalls weiterhelfen.

Sich zu integrieren, ist eigentlich nicht so schwer. Wenn man erst mal ein bisschen Anschluss gefunden hat, dann wird man schnell in Gruppen integriert. Zu Beginn muss man etwas Initiative zeigen.

Welche Möglichkeiten zur Finanzierung Deines Aufenthalts nutzt Du und wie hast Du von ihnen erfahren?

Vorher Erarbeitetes (hier neben der Uni zu arbeiten, ist ziemlich schwierig), ERASMUS, Wohngeld der Stadt (CAF, darauf hat jeder Student hier Anspruch. Funktioniert aber nur, wenn man einen Mietvertrag hat. Daher darauf achten, dass man ein Zimmer mit Mietvertrag bekommt!) und familiäre Unterstützung.

Was verursacht während Deines momentanen Auslandaufenthaltes die höchsten Kosten?

Miete, Metro-Ticket (hier gibt es kein Semesterticket!) und Lebensunterhalt. Der Alltag ist hier einfach ein bisschen teurer.

Wie kannst Du vor Ort Geld einsparen?

Selbst kochen und nicht auswärts essen. Vorher darauf achten, wann man wohin weggeht, da viele Clubs gerade am Wochenende hohe Eintrittspreise nehmen.

Was sind für Dich die größten Herausforderungen im Ausland?

Zu wenig Freiraum, seine Zeit selbst zu bestimmen und selbstdiszipliniert zu arbeiten. Die Distanz nach Hause war weniger problematisch. Man kommt sehr günstig nach Hamburg und zurück und nach Paris kommen Freunde gern zu Besuch.

Wie gestaltest Du die Zeit zwischen Lernen und Schlafengehen?

Freizeit, was ist das? Die, die bleibt, verbringe ich aber überwiegend mit meinen Mitbewohnern und einigen Freunden, die ich über meine WG kennen gelernt habe, Salsa-Tanzen und dem Besuch von Ausstellungen.

Welche Kontraste erfährst Du momentan gerade zur maritimen Hamburger Kultur?

Essen kann man hier sehr viel und gut, erstaunlich, dass die Franzosen alle so schlank sind … Da muss man sich auch nicht großartig umstellen. Außer, dass es kaum ordentliches Brot zu kaufen gibt. Die Stadt ist ziemlich grau, dagegen ist Hamburg ein grüner Urwald. Wenn man es gewohnt ist, vor die Tür zu gehen und eine Runde um die Alster zu joggen, muss man hier mit Asphalt und einer Runde im nächsten Park vorliebnehmen. Natur gibt es also nur außerhalb. Entsprechend ist das mit der Ruhe. Aber die sucht man vielleicht auch besser woanders als in einer Großstadt. Generell ist es eine sehr schnelllebige Stadt, die wesentlich vollgestopfter ist als Hamburg. Daher kommt wahrscheinlich auch die deutlich rücksichtslosere Mentalität. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig, als auch mal ein bisschen zu schubsen, wenn man in die Metro will. Ansonsten sind die Menschen hier generell etwas offener als bei uns. Jedenfalls für den ersten Kontakt.

Welche Unterschiede zur deutschen Kultur bemerkst Du im Allgemeinen?

Da kann ich jetzt nur den Vergleich ziehen zu den Menschen, die ich näher kennen gelernt habe. Alles ist etwas spontaner. Ich glaube, Deutsche planen etwas mehr im Voraus. Außerdem scheinen die Menschen hier ihre Zeit ein wenig mehr zu genießen. Es gibt unendlich viele Cafés und Restaurants, die immer gut besucht zu sein schienen, obwohl es wirklich teuer ist. Die Menschen sitzen bei gutem Wetter einfach ewig herum und genießen die Sonne. Es wird wohl auch mehr an der Wohnsituation und einem fahrbaren Untersatz gespart als an gutem Essen und den kleinen Freuden des Alltags.

Mit welcher Offenheit begegnet man Dir im Land als Ausländer und wie ist es, Ausländer zu sein? Gibt es Integrationsprobleme?

Nein, überhaupt keine. Die Menschen hier sind total offen für Ausländer. In Paris gibt es davon ja nun auch ziemlich viele. Das Vorurteil, dass keiner Englisch kann und niemand es spricht, wenn man mit Französisch versagt, das kann ich auch nicht bestätigen. Die jungen Leute sprechen alle Englisch. Und wenn man sich als Deutscher outet, dann versuchen viele sogar ihre Bröckchen Schuldeutsch rauszukramen.

Was sind Deine bisher schönsten Erfahrungen und was Deine bisher schlimmsten?

Meine schönste Erfahrung ist generell das WG-Leben hier, da ich vorher immer allein gewohnt habe. Das Schlimmste war, sich wieder wie ein kleines Kind in der Schule zu fühlen, dessen eigene Meinung wenig respektiert wird.

Planst Du, Deinen Aufenthalt zu verlängern?

Nein. Auch wenn es eine nette Zeit mit den Menschen hier ist, bringt es mir einfach zu wenig für mein Studium. Ich werde eher noch mal im Sommer zu Besuch kommen. Paris hat mir als Urlaubsstadt wesentlich besser gefallen als für den Alltag.

Befürchtest Du, dass es Probleme mit der Anerkennung des Praktikums oder der Studienleistungen geben wird?

Nein. Ich benötige die erbrachten Leistungen auch nicht für mein Studium in Hamburg, da ich noch auf Diplom studiere. Sollte man die Credit Points benötigen, sollte man allerdings wissen, dass das System hier anders ist und man pro Kurs wesentlich weniger Punkte bekommt und man entsprechend viele Kurse machen muss. Das System schreibt einen Stundenplan vor, der kaum variierbar ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

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