»Professor – wer diesen Titel trägt, muss ein ganz schön intelligenter Mensch sein« … Das gesellschaftliche Ansehen dieses Berufsbildes ist hoch, und doch von Vorurteilen geprägt. Was ein Professor so macht? Er sitzt in seinem Elfenbeinturm und schreibt Bücher oder korrigiert Hausarbeiten. Und in den Semesterferien? Da hat er frei. Oder etwa doch nicht?
[Illustration: Annika Siems, Department Design]
Sie prägen den Universitätsalltag wie keine anderen Angestellten der Hochschule: die Professoren. Oder auch Hochschullehrer genannt, aber das klingt nach Schule, unsympathisch. Professor dagegen nach Wissen, Weisheit, Intelligenz. Das Sozialprestige von Professoren ist überdurchschnittlich hoch, dennoch sehen sie sich Vorurteilen ausgesetzt. Dem Intellektuellenvorurteil etwa, oder dem Beamtenvorurteil. »Die denken, die sind was Besseres« oder »Die ruhen sich auf ihrer lebenslangen Anstellung aus und kümmern sich überhaupt nicht um die Studenten«, wird ihnen des Öfteren nachgesagt. Vielerorts – auch bei Studenten – herrschen Unklarheiten darüber, was ein Professor eigentlich den Tag über tut, welchen Anforderungen er standhalten muss, wie man überhaupt Professor wird. Ein Versuch, diese Gattung von Hochschulpersonal besser verstehen zu lernen.
Zunächst dazu, wie man Professor wird. Futter für das Intellektuellenvorurteil: Als Professor wird man nicht eingestellt, nein, man wird berufen. Das ist allerdings nur eine begriffliche Besonderheit. Bewerben muss man sich für eine ausgeschriebene Professur trotzdem. Das kann, wer die formalen Bedingungen für die Stelle eines Professors erfüllt, was von Fakultät zu Fakultät divergiert. Insbesondere bei Fachhochschulen wie der HAW Hamburg unterscheiden sich die Einstellungskriterien hinsichtlich der Schwerpunktsetzung von denen an einer Universität. Der Hochschullehrerbund bietet für potenzielle Anwärter auf die Professur an einer Fachhochschule Bewerbungstraining in Form von Seminaren an.
Ein abgeschlossenes Hochschulstudium ist die Grundvoraussetzung. Des Weiteren muss die pädagogische Eignung gesichert ein. Darüber hinaus sind eine herausragende Promotion mit anschließender Habilitation – die höchste akademische Prüfung zur Erteilung der Lehrbefähigung – bzw. Juniorprofessur – die erteilte Lehrerlaubnis ohne Habilitation – und/oder einschlägige Praxiserfahrungen von in der Regel mindestens fünf Jahren in einer Fachrichtung vorzuweisen. Eine Hochschul-, das heißt Berufungskommission, trifft dann eine Auswahl an Kandidaten, die zu Probevorlesungen eingeladen werden, denen man auch als Student beiwohnen darf. Favoriten werden auserkoren, Vorschlagslisten erstellt. Die endgültige Berufung erfolgt nach Empfehlung der Kommission durch den Hochschulpräsidenten oder den zuständigen Minister des Bundeslandes. Das Berufungsverfahren ist an rechtliche Rahmenbedingungen gebunden, die der Bund im Hochschulrahmengesetz (HRG) festgelegt hat. Detailregelungen fallen in den Aufgabenbereich der Länder.
Wer diese Prozedur erfolgreich gemeistert hat, darf sich also Professor nennen und seinen Elfenbeinturm beziehen. Oder eben sein Büro im Hochschulgebäude. Nun geht es an die Arbeit, die sich im Wesentlichen auf die drei Bereiche »Qualität der Lehre«, »Geniosität der Forschung« und »Effizienz der Organisation« bezieht. Zur Lehre gehören die Vorlesungen, Seminare, die Studentenberatung, die Planung von und Teilnahme an Kongressen und Foren, Summer schools oder internationalen Workshops. In den Tätigkeitsbereich Forschung fallen die eigenen Forschungsprojekte, die Arbeit in Forschergruppen, das Erstellen von Gutachten und Projektberichten, die Drittmittelakquisition. Die Organisation setzt sich aus den hochschulinternen Selbstverwaltungsanforderungen zusammen, Personalangelegenheiten, dem Haushalt, der Arbeit in Kommissionen und Prüfungsausschüssen. Daneben wird Professoren allerhand Verwaltungsaufwand aufgebrummt: ministerielle Erlässe umsetzen, Prüfungsordnungen überarbeiten etc. Der Aktivitätsraum eines Professors ist breit gefächert und heterogen, heißt: In kurzen Zeitabständen wechseln die Fähigkeitsanforderungen. Prof. Dr. Ralph Schmidt vom Department Information der HAW skizziert seinen Arbeitsalltag folgendermaßen: »Mails beantworten – Gutachten schreiben – Datenbanken pflegen – Veranstaltung vorbereiten – Mails beantworten – Räume und Zeiten verlegen – kopieren – lehren – Fragen beantworten – mit Kollegen sprechen – Sprechstunde anbieten – Praktikantenfragen klären – Bachelorkandidaten zu ihrem Thema beraten – lehren – Verwaltungskram vorbereiten – in Gremien sitzen – Besprechungen besuchen« und und und. Diese Vielfalt führt schnell zu Stresssituationen, da die Fähigkeitszusammensetzung selten über längere Zeit hinweg konstant bleibt. Hinzu kommt, dass in Zeiten von Studiengebühren ein größerer Erwartungsdruck von den Studenten ausgeht, die sich zunehmend als Kunden betrachten und Leistung einfordern. Der Professor rückt in der allgemeinen Wahrnehmung in die Funktion des Dienstleisters für studentische Bedürfnisse. Motivations- und didaktischer Qualitätsverlust können die Folge sein.
Die Verantwortung, die man mit der Berufung zum Professor übernimmt, ist enorm. Was treibt die Hochschullehrer in ihrem Arbeitsalltag an, sich den Herausforderungen zu stellen? Der sichere Arbeitsplatz? Der Status? Die gesellschaftliche Anerkennung? »In meinem Beruf als Dramaturg habe ich gelernt, durfte ich lernen, musste ich lernen, dass Anerkennung ein trügerisches Gut ist: Man braucht es, und darf sich nicht abhängig davon machen«, weiß Wolfgang Willaschek, Professor in den Studiengängen Medientechnik und Media Systems am Department Technik, zu berichten. Und die Gesellschaft trifft er zumeist nur auf der Bahnfahrt zum und vom Arbeitsplatz nach Hause, wo er nicht als Professor wahrgenommen wird. Bleibt also ein abstraktes Leistungsmotiv. Geld? Sicher müssen Professoren keinen Hunger leiden, aber die staatliche Besoldung liegt unter den Verdienstmöglichkeiten eines Managers in der freien Wirtschaft. Im Einzelnen wird jeder Professor seine eigenen Motivatoren ausfindig gemacht haben. Für Willascheks Department-Kollegen Prof. Dr. Johannes Ludwig ist es etwa »das Gefühl nach einer Arbeitswoche, wenn man die nachwachsende (Entscheider- und Handler-)Generation darauf vorbereitet hat, wie man a) sinnvolle Dinge tun und wie man die dann b) auch effizient realisieren kann.«
Aber da war doch noch was. Ach ja, die viele Freizeit in den Semesterferien. Professoren haben natürlich nicht automatisch frei, wenn die vorlesungsfreie Zeit beginnt. Ihr Urlaubsanspruch wird durch die Urlaubsverordnung für Beamte und Beamtinnen (UrlVO) geregelt und umfasst je nach Alter 26 bis 30 Arbeitstage im Jahr. In den Semesterferien ist lediglich das alltägliche Aufgabenspektrum der Professoren abgespeckt. Keine Vorlesungen, weniger Gremienarbeit. Prof. Dr. Ralph Schmidt fasst auch diesen Arbeitsalltag zusammen: »Mails beantworten – Gutachten schreiben – Datenbanken pflegen – Veranstaltung vorbereiten – sich freuen, dass man nicht in Gremien sitzt – Mails beantworten – ein bisschen lesen, ein bisschen denken – Mensch sein.«
[Oktober 2008]