Der forschende Unternehmer Dr. Frank Vohle ist Gründer und Geschäftsführer der Ghostthinker GmbH (Agentur für technologiebasierte Didaktik) und freier Forscher (postdoc) an der Universität Augsburg, Institut für Medien und Bildungstechnologien/Medienpädagogik. Im Interview mit info-parkour.de spricht der Unternehmer über das Thema Interdisziplinarität und fächerübergreifende Lehre im Kontext von Bologna.
Der Begriff Interdisziplinarität erscheint Studenten heute in jeder hochschulnahen Info-Broschüre und wirkt dabei oft wie eine hohle Phrase. Laufen Hochschulen Gefahr, Abiturienten oder Studenten mit Fassadenkompetenzen und Werbeslogans zu blenden, die sie in der Hochschulpraxis gar nicht geboten bekommen?
100 Prozent Zustimmung. Entscheidend ist doch, dass den jungen Studenten ermöglicht wird, das wissenschaftliche Denken und Handeln kennen zu lernen und sich zumindest ein klein wenig darin zu verlieben. Das gelingt uns nicht, wenn wir die Studenten in den aktuell beliebten »Bindestrichdisziplinen« quer durch den Campus jagen, wo sie dann von den echten Disziplinen mehr oder weniger mitgeschleppt, jedenfalls nicht mit offenen Armen empfangen werden. Interdisziplinarität ist aus mindestens zwei Gründen in der modernen Universität* schwer zu realisieren:
a) Die Zubringerdisziplinen, zum Beispiel die Wirtschaftswissenschaften, sehen keinen wissenschaftlichen Mehrwert darin, die Bindestrichdisziplinen, zum Beispiel die Medienökonomie, mit Veranstaltungen zu bedienen.
b) Interdisziplinäre Lehre ist aufwendig und voraussetzungsreich und wirklich erfolgsversprechend nur im gemeinsamen Handeln. Wo wird in der modernen Universität* noch gehandelt, wo werden gemeinsame Erfahrungen gemacht?
Woran lassen sich »Bindestrich-« bzw. »Zubringerdisziplinen« erkennen und was unterscheidet sie von so genannten »echten« Disziplinen?
Bindestrichdisziplinen: Was man gerne im Kontext der BA-MA-Angebote macht: Wirtschaftspsychologie, Wirtschaftsinformatik, Medien & Kommunikation … also alle Studiengänge, in denen mindestens zwei Disziplinen kombiniert werden. Damit meine ich nicht zum Beispiel innerhalb der BWL die Fächer VWL, BWL, Recht, Statistik etc., sondern eine Kombination auf der Makroebene, teilweise um den komplexen Phänomenen der Arbeitswelt gerecht zu werden (das ist im Übrigen die Geburtsstätte der Bindestrichdisziplinen), teilweise weil ein neues Kombi-Paket, zum Beispiel bei Master-Studiengängen, sich gut vermarkten lässt. Von diesen eher modischen Bindestrichdisziplinen ist so etwas zu unterscheiden wie die Biochemie, also auch eine Kombination, aber eine, die sich aus der wissenschaftlichen Fragestellung heraus und nicht aufgrund einer gesellschaftlichen Nachfrage entwickelt hat. An dieser Stelle berühren wir ein heikles Thema: Wonach hat sich eine interdisziplinäre Lehre zu orientieren? An den Arbeitsmarkt (externes System) oder an den wissenschaftlichen Problemen (internes System)?

[Dr. Frank Vohle | Quelle: Ghostthinker GmbH]
Ist die fächerübergreifende Lehre die Antwort auf eine immer komplexer werdende Welt, um Lösungen für ihre Gesellschaften zu formulieren?
1) Komplexität ist keine Eigenschaft der Welt, der man so einfach beikommen kann. Wer Komplexität im klassischen Sinne managen will, der ist auf dem Holzweg. Ich glaube, man muss selber komplex werden … und vielleicht sollte man dabei auch ein gutes Stück Gelassenheit gewinnen.
2) Fächerübergreifender Unterricht (FÜU) ist für mich der zweite Schritt. Wichtig ist eine Vertiefung in einer Disziplin, gegebenenfalls zwei Disziplinen. Wichtig erscheint mir auch, den FÜU aus den Disziplinen heraus anzulegen, also nicht einfach die disziplinären Knoten zu verbinden (gängige Praxis), sondern die Fragestellungen innerhalb der einen Disziplin so anzulegen, dass man zwangsläufig auf die anderen Disziplinen gestoßen wird, eine genetische Methode also.
Ein Großteil des praktischen Erfahrungsschatzes in Bezug auf interdisziplinäre Projekte liegt häufig bei einzelnen, überdurchschnittlich engagierten Mitarbeitern oder wenigen Studenten. Wie könnte man Ergebnisse als auch Erfahrungen interdisziplinärer Projekte transparenter und recherchierbar machen und die Erkenntnisse für alle attraktiver aufbereiten? Und wer sollte hier die Verantwortung tragen?
Gut, da zeige ich mal ganz ungeniert auf das Augsburger Begleitstudium. Das ist eine fein ausbalancierte Architektur zwischen Fachstudium und freiwilligem Engagement. Sicherlich nicht universell übertragbar, aber als Anregung für dritte, als analoges Modell, taugt es allemal.
Nüchtern betrachtet glaube ich aber, dass die interdisziplinäre Idee in jeder Studentengeneration immer nur von wenigen getragen wird. Das sind die berühmten 20 Prozent eines jeden Jahrgangs, die »mehr« wollen. Es macht keinen Sinn, die Hunde zum Jagen zu tragen. Verantwortung tragen die Professoren, sie schaffen Spielräume und Anreize, sie machen Angebote. Wenn es im Leitbild der Universität* gegebenenfalls noch mit einem Budget für innovative Projekte verankert ist, umso besser.
Vernetzt zu lehren bedeutet unter anderem auch ein Mehr an Aufwand für die verantwortlichen Personen. Welcher konkreten Anreize bedarf es, um interdisziplinäre Lehre dennoch zu fördern?
Dozenten selber müssen Freude daran haben, das ist der Kernmechanismus. Und sie haben Freude dran, wenn sie den Zusammenhang selber sehen, durch eigenes Handeln (auch außerhalb der Universität) erfahren haben. Eine Hochschulpolitik, die FÜU »verordnet«, da halte ich nicht viel von. Das darf kein Selbstzweck werden, oft genug ist es in Forschungsprojekten so.
Der Austausch zum Inhalt, Aufbau und Umfang der Lehrangebote unter Lehrkollegen in anderen Disziplinen findet nicht überall statt. Viele wissen nicht, was ihre Kollegen an anderen Fachbereichen unterrichten. Ist ein solcher Austausch einzig von dem Eigenengagement und Interesse der lehrenden Personen abhängig? Was kann wer hier unternehmen, was müsste unternommen werden?
Entscheidend ist: Hochschul- und arbeitspolitisch will man die Interdisziplinarität, wissenschaftlich will man die disziplinäre Vertiefung, weil eben die nur belohnt wird. Wenn es weiterhin diese Anreiz-Asymmetrien gibt, dann werden sich die Wissenschaftler nicht ernsthaft um eine bessere Lehre, eine transdisziplinäre allemal, kümmern – persönlich Engagierte ausgenommen. Wichtig erscheint mir, die Menschen an der Uni nicht mit diesem schweren Geschütz der »Interdisziplinarität« zu überfordern, wer kann das schon einlösen? Ein, zwei Quervernetzungen zu anderen Disziplinen ausbauen und pflegen, hier kleine Arbeitsgruppen mit engagierten Studenten einrichten, um das transdisziplinäre Handeln EXEMPLARISCH zu erfahren, das scheint mir auch im Kleinen machbar. ABER: Ohne institutionalisierte Freiräume im Kontext von Bologna geht es nicht.
Welche Vorteile, welchen Profit und welche Chancen bietet die interdisziplinäre Lehre für ihre Beteiligten an der Hochschule (beispielsweise Qualität der Lehre, leichtere Drittmittelakquise, Image der Hochschule, Zufriedenheit der Studenten, verbesserte Berufsqualifikationen)?
Interdisziplinarität ist mainstream, da kann man gut mit werben. Darin liegt die Chance, aber darin (in der Realisation) liegt eben auch das Problem. Interdisziplinär ausgeschriebene Forschungsprojekte zerfallen im Forschungsalltag meist wieder zu arbeitsteiligen Veranstaltungen. Um nicht missverstanden zu werden: Inter- und Transdisziplinarität sind wichtig zur Lösung von Problemen im 21. Jahrhundert – Kindheit, Energie, Armut, Wasser, Ökonomie, Bildung. All das sind komplexe Phänomene mit handfesten Problemen, die neue, unkonventionelle Sichtweisen brauchen. Mir geht es nur darum, dass man diese so genannte Inter- und Transdisziplinarität nicht einfach umsetzt, indem man relativ willkürlich Fächerkombinationen kreiert. Die eigentliche Leistung, der Nutzen einer interdisziplinären Lehre, besteht doch darin, dass die Studenten verschiedene Sichtweisen in ihrem Kopf integrieren, zu einem Ganzen zusammenfügen. Und genau hier sind viele Studenten überfordert, wenn sie bei dieser Integrationsleistung nicht auf der Ebene des Curriculum, des Assessements und der konkreten Lehre unterstützt werden. Das »Ganze« fällt nicht vom Himmel und auf die genialen Konstruktionsleistungen der Studenten sollte man nicht immer hoffen. Wer fünf oder mehr Teildisziplinen (wie zum Beispiel in Medienstudiengängen) integrieren soll, der braucht einfach Hilfe.
Der Gedanke der Interdisziplinarität bedeutet vor allem, die Symbiose verschiedener Denkansätze zu einem neuen zu führen, etwas weiterzuentwickeln. Inwieweit ist Interdisziplinarität die Voraussetzung für hochschulinterne, hochschulübergreifende, gesellschaftliche, politische – sprich jegliche Form von Innovationen?
Wenn ich etwas verbinden will, dann muss ich das, was ich verbinde, kennen. Wie kann ein Student, der ein Semester in einer Ökonomievorlesung gesessen hat, sagen, er verstehe etwas von Ökonomie. Das Ganze – bestenfalls die Innovation – ist das Ergebnis eines längeren Weges. Von daher: Universität* war immer schon interdisziplinär angelegt. Wer zwischen den Disziplinen wandern möchte, dem stehen alle Wege frei und in glücklichen Fällen verlaufen sich ja auch einige in die so genannten Ringvorlesungen. Aber noch was: Die Folgerung, dass eine interdisziplinäre Lehre zu mehr Innovationskraft führt, halte ich so für nicht richtig. Der Engpass bei den gesellschaftlichen Innovationen – und das sage ich jetzt als Unternehmer – ist die langatmige und geschickte Kombination sehr unterschiedlicher Ressourcen (Ideen, Kapital, Menschen, Technologie), sicherlich auch eine hohe Frustrationstoleranz oder deren Schwester: guter Optimismus. Das hat weniger (wenn man es auf die Universität rückbezieht) etwas mit interdisziplinärer Lehre, sondern mit projektorientierter Lehre zu tun. Im Koordinatenfeld von Theorie-Praxis und Disziplin-Disziplin sind viele Kombinationen möglich. Deshalb: Bitte nicht von gesellschaftlich, politisch, kosmologisch sprechen … sondern davon, wie man an einem Ort A die Ressourcen B so kombiniert, dass für die Studenten und Dozenten C unter den Bologna-Bedingungen D eine intelligente Lehre möglich ist.
Wie viel interdisziplinäre Lehre kann sich eine Hochschule erlauben, ohne die Ausbildung von angehenden Spezialisten zu gefährden? Schaffen wir uns nicht am Ende eher Generalisten?
Eine ausgiebige interdisziplinäre Lehre schafft noch keine Generalisten, sondern junge Menschen, die alles irgendwie nicht richtig wissen. Das ist unbefriedigend für die Studenten selber (die meinen, nichts Anständiges zu können – kein Handwerk) und gegebenenfalls unbefriedigend für die Arbeitgeber, die nicht wissen, wo sie diese »Alleskönner« beim Karrierestart hinstecken sollen. Ziel sollte es ja sein, spezialisierte Generalisten zu fördern, das ist aber eine schwierige Zielsetzung. Ich bin eher dafür, den Gedanken des »Ganzen« zunächst in der einen Disziplin anzulegen, um dann im Master sehr gezielt Quervernetzungen zu ermöglichen.
Welche konkreten Vorteile verschafft die fächerübergreifende Lehre den Studenten?
Im Idealfall: zu sehen, dass jede Disziplin nur bestimmte Fassetten des Ganzen »aufhellt« und das folglich das Erkennen ein mühsames Geschäft ist. Man kann also nur davon abraten.
Inwieweit erfordert die Entwicklung der fächerübergreifenden als auch der transdisziplinären Lehre, sprich die Verbindung von wissenschaftlichem und praktischem Wissen, ein neues Rollenverständnis der Lehrenden?
Man muss vielleicht davor warnen, dass nicht alles neu werden muss in der Universität* – auch die Rollen. Auch der klassische Lehrer, der begeistert von seiner Sache spricht – auch frontal –, kann junge Menschen inspirieren. Der Coach oder Lernbegleiter ist zwar eine beliebte Forderung aktueller Pädagogik, aber in der Fläche nicht machbar und sinnvoll. Was ich fordere, ist Begeisterung für das eigene Fach und – obwohl das reichlich pathetisch klingt – Freude an jungen Menschen, an deren Wachstum. Wenn diese beiden Bedingungen vorhanden sind, dann finden sich die Rollen.
Wie kann im Zuge einer Bildungsreform wie der aus Bologna stammenden weiterhin ein didaktisch wie inhaltlich wertvolles Hochschulstudium gewährleistet werden bzw. welche Schwierigkeiten sehen Sie?
Die Hauptschwierigkeit ist die mangelnde Zeit und die Einengung der Assessementformen durch die Akkreditierungsanstalten. Wer mit 300 Kilometer pro Stunde über die Autobahn jagt, der sieht nur den Fixpunkt am Horizont. Wer nur MC-Prüfungen macht, der lernt nur einen sehr eingeschränkten Handlungsbegriff kennen – ein Widerspruch zu der allseits geforderten Handlungskompetenz. Wenn das Thema Vertrauen (in dezentrale und informelle Bildungsprozesse) in der modernen Universität* nur noch eine marginale Rolle spielt, dann werden sich die großen Blüten wie wissenschaftliches Denken, interdisziplinäres Arbeiten nicht verwirklichen. Junge Menschen brauchen Vertrauen … und hohe Ziele.
Multiple-Choice-Prüfungen, da geht es ja nur darum, Fachwissen abzufragen bzw. richtig zu kombinieren. Prüfungen sollen aber nicht nur Fachwissen abfragen, sondern (Handlungskompetenzen) sichtbar machen. Weiter kann man sich fragen, ob Prüfungen auch nur die Funktion der Selektion haben sollen. Wir in Augsburg sind der Meinung, dass sie ebenso als Lernverfahren dienen sollen (Assessement for Learning). Hierzu den Arbeitsbericht von Frau Reinmann.
Können Studenten heute innerhalb eines, wenn auch mitunter interdisziplinären Bachelor-Studiums (BA), noch zwanglos »suchen« und »finden«? Oder findet hier statt Bildung nur noch Ausbildung statt?
Die Frage ist durch. Heute können Studenten nicht mehr suchen, »sich« schon gar nicht. Wir haben mit den BA-Studiengängen eine Verlängerung der Schule, mit Quasi-Stundenplänen und vordefinierten Problem- und Lösungshappen. Für das Ringen um eigene Problemdefinitionen haben wir keine Zeit. Dabei wäre DAS die Kernkompetenz an der Universität*: die Re-Konstruktion von Problemen und das eigenständige Suchen nach Lösungsansätzen. Warum dränge ich da so drauf? Hatten wir eingangs nicht gesagt, dass die Welt komplexer geworden ist? Ich glaube, die vorgefertigten Wissenshappen liegen den Studenten eher im Magen, ein komplexeres Bewusstsein kommt dabei nicht heraus.
Vielen Dank für das Gespräch.
*persönlicher Hinweis von Dr. Frank Vohle zur Unterscheidung von Universität und Fachhochschule:
Grundsätzlich sehe ich einen eigenen Anspruch an der Universität, nämlich den, wissenschaftliches Denken und Forschen zu lernen. Das ist nicht ein eigenes Ziel an der Fachhochschule, obwohl man hier natürlich wissenschaftliche Methoden anwendet – aber eben »anwendet«, man denkt nicht eigens über Wissenschaftstheorie nach, führt also keine Metareflexion. Wenn die Unterscheidung noch einen Sinn machen soll (politisch will man es meines Erachtens nicht, wie die Nivellierung durch W3-Besoldung und die Akzeptanz der FH-Doktorate nahelegt), dann müssen auch die Anforderungen an der Uni höher, zumindest aber anders sein. Das aktuelle Mengengelage aus angewandter, wissenschaftlicher etc. Hochschule und Universität ist aber nicht dazu geeignet, klar zu sehen. Ich bin mir sicher, dass man sich damit keinen Gefallen tut, letztlich bin ich dafür, dass jede Institution Schwerpunkte setzt und wer zum Beispiel an die Universität geht, der weiß, dass er/sie dort im Kern eine wissenschaftliche Bildung erfährt und keine Qualifizierung für eine enge Domäne. Mit dieser Auffassung stehe ich im Abseits aktueller Entwicklungen.
Weitere Infos gibt es hier: Homepage von Dr. Frank Vohle an der Universität Augsburg ; Homepage von Dr. Frank Vohle ; Homepage der Ghostthinker GmbH