Leben

Nasse Klumpen und Latexschaum

Veröffentlicht am 16. Juni 2008

Ein unförmiger, nasser Klumpen Lehm, drei fest entschlossene Männer und einige magische Sprüche: mehr brauchte es nicht, um den Golem zu erschaffen. Nachts am Ufer der Donau nahe Prag traf sich der Rabbi mit seinem Schüler und seinem Schwiegersohn. Ihr Plan: dem dampfenden Klumpen Leben einzuhauchen und so ihre Kultur zu schützen. Eine Kultur, die Anfeindungen ausgesetzt war, weil sie dem konservativen Prager Katholizismus zu anders war, zu unverständlich.

Jahrhunderte später in einer grauen Lagerhalle, die sich zwischen zwei Häusern in einem Hinterhof zu verstecken scheint, wird lebloser Materie mit harter Arbeit Leben eingehaucht. Die Firma Stoptrick macht Filme mit überaus folgsamen Darstellern: Knetfiguren aus Latexschaum und Draht.

Das Prinzip, welches dahintersteckt, nennt sich Stopmotion. Doch anstatt mit einer toten Braut mit einem Wurm im Kopf (Corps Bride) oder einem Hund namens Gromit (Wallace & Gromit) wird hier momentan mit Ratten gedreht: mit Bahnschaffner-Ratten.

Der Amerikaner Jim Lacy muss für Außenstehende ein Freak sein, wenn er Folgendes sagt: »Dieses Rig ist eines von weltweiten 11 Milo Slimline Heads mit Fries Mitchell R3 von Mark Roberts MOCO.« Während er das sagt, strahlen seine Augen hinter der filigranen Brille aus Draht. Als er dann noch sagt, dass ihn die Sache mit den Digitalkameras überhaupt nicht überzeuge und jeder berühmte Regisseur, der mit dieser Technik arbeite, unter der Brücke lande, ist das Unverständnis groß. Lacy bevorzugt die 35-mm-Technik.

Wer sich nun diesem Unverständnis hingibt und Stopmotion uninteressant findet, dem werden die Golems der Firma Stoptrick im häuslichen Wohnzimmer einen Besuch abstatten und in den Werbepausen die Nerven blank legen. Denn für Freenet erschufen sie beispielsweise die grünen Papageie und für Reno ein kleines Mädchen, dass mithilfe einer seltsamen Maschine die perfekte Fußbekleidung gezimmert kriegt.

»Damit finanzieren wir unsere Leidenschaft«, sagt Georg Krefeld, der für Stoptrick die Video- und Bildbearbeitung macht und nebenher als Lehrbeauftragter an der HAW den Medien- und Informationsstudenten Screendesign näher bringt.

Und diese Leidenschaft heißt Kurzfilme machen, noch. Denn bald soll ein Film in Spielfilmlänge entstehen. Aber zurück zum Kurzfilm: Das neueste Werk heißt »Schiefe Bahn«. Ein Kurzfilm, in dem Latexratten auf die schiefe Bahn geraten, da sie dank der Bahnprivatisierung arbeitslos werden und ihre einzige Hoffnung darin sehen, einen Geldwaggon zu überfallen. Die Atmosphäre des Films ist so düster, dass es dank der tollpatschigen Hauptdarsteller zu einem schwarzhumorigen, elfminütigen Glanzstück geworden ist: erster Platz beim 12. Filmfest Schleswig-Holstein.

Solch ein Preis verdanken Kurzfilme meist der Liebe ihrer Macher zum Detail. Und diese Liebe kostet nicht nur Geld, sondern mehr Zeit und noch mehr Nerven. 72 Stunden wurden kurz vor Drehschluss durchgehend gearbeitet. Drei Tage am Stück konzentriert zu arbeiten, kratzt an der Arbeitsatmosphäre. »Da wird jede Kleinigkeit plötzlich zum Grund, aus der Haut zu fahren«, sagt Krefeld. Kreative müssen meist ohne doppeltes Netz und dreifachen Boden einfach durchziehen. Denn wer den Abgabetermin nicht einhalten kann, der hat nicht nur Pech, sondern auch den Schaden.

Wen diese Herausforderung, dieses Risiko nicht abschreckt und wer Interesse am Filme machen hat und vielleicht sogar selber seinen eigenen Latexschaumgolem tanzen lassen will, der hat die Möglichkeit dazu.

Die Möglichkeit dazu hatte auch Kathrin Albers nach ihrem Abschluss in Mediendesign an der Fachhochschule für Gestaltung – heute das HAW-Department Design. Albers ist für die Herstellung der Latexmännchen zuständig. Sie formt aus Gips die Prototypen und gießt diese später mit Latexschaum aus. Das heißt für jede Mimik der Puppen einen anderen Mund, eine andere Nase und nicht selten auch einen kompletten Kopf – von der Gestik ganz zu schweigen.

Ist die Neugierde geweckt?

Die Fakultät bietet Filmausrüstung zum Leihen an – muss am Anfang ja nicht direkt eine 35-mm-Kamera her. Zusätzlich sind die Menschen von Stoptrick aufgeschlossen und besitzen einen gehobenen Erklärungseifer: Gerade Georg Krefeld beantwortet gerne Fragen und hat auch kein Problem damit, nach der Stunde länger zu bleiben.

Also kann an dieser Stelle interessierten Studenten der Vorschlag gemacht werden, selbst mal bei Stoptrick reinzuschauen. Aber Vorsicht: Ein Anruf vorher macht sich besser, denn gerade in der Hochzeit des Lebeneinhauchens sollten starke Nerven mitgebracht werden.

[Juni 2008]

Weitere Artikel der Reihe:

RTEmagicC_clown.jpg

Tschüß, Herr Clown!

fuer_die_gleiche_sache_brennen

»Für die gleiche Sache brennen«

heten

Buntes Volk in St. Georg

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*