Sie kreieren aus Leidenschaft, nicht im Rahmen einer Beschäftigungstherapie: die Schlumper aus Hamburg. Künstler mit unterschiedlichen Behinderungen finden in der Ateliergemeinschaft einen Arbeitsplatz und die Möglichkeit, sich kreativ zu verwirklichen. Ein Bericht über Individualisten, die klassische Werkstattarbeiten für Behinderte ablehnen.
Mit einem Ruck reißt er das Rosinenbrötchen in zwei Hälften und pult einen Teil des Innenlebens mit Daumen und Zeigefinger heraus. Ein hauchzarter Duft verrät, dass es frisch aus der Bäckerei kommt. Gerade erst geboren, findet dieser Wohlgeruch ein jähes Ende, als Dominik sein Brötchen mit Emmentaler und Blutwurst belegt. Mit energischem Schütteln und Quetschen landet die Krönung der Kreation auf der Wurst: Curryketchup. Genüsslich isst der junge Mann sein Brötchen. Er ist als letzter gekommen, vielleicht mit Absicht, um dem fröhlichen, aber doch lautstarken Chaos des gemeinsamen Frühstücks zu entgehen.
Dominik ist einer von 24 »Schlumpern«, einer Ateliergemeinschaft aus behinderten Künstlern. Ihren Namen verdanken sie ihrem ersten Atelier am Schlump. Dort rebellierten sie seit 1983 gegen die traditionellen, monotonen und streng organisierten Werkstattarbeiten der Anstalten. Nach langem Kampf gibt es jetzt die »Schlumper von Beruf« – fest angestellte, freischaffende Künstler, die seit 1998 ihre Arbeit in der Galerie im Schlachthof ausüben. Obwohl sie sich aus finanziellen Gründen wieder in den Händen der Alsterdorfer Anstalten befinden, versuchen sie möglichst unabhängig zu bleiben. »Denn wir sind keine soziale, sondern vor allem eine künstlerische Einrichtung!«, betont Volker Schmidt, der Kunstlehrer und Galerist zugleich ist. Es geht in diesem Projekt um die Schaffung von Kunstwerken und nicht um eine Beschäftigungstherapie für Behinderte.
Dominik ist ein Gesamtkunstwerk an sich. Oder Dominika, wie er sich auch nennt. Ein transsexueller Rollstuhlfahrer mit geistiger Behinderung, der sich wie sein Vorbild Olivia Newton Jones auftakelt und mit einem kokettierenden Lächeln die Hand auf die Wange legt, wenn er etwas Pikantes erzählt. Ein Freizeittheaterstar und TV-Statist, eine Frohnatur. Er betrachtet ein Foto: zwei junge, braungebrannte und außerordentlich durchtrainierte junge Männer, die ihn auf die Wange küssen. Er klebt es in sein Album, das schon dutzende andere Fotos enthält. Unter jedem Bild steht ein Text in bunten Farben. Die oft aufreizenden, bizarren Schnappschüsse bilden einen wunderbar skurrilen Kontrast zu seiner kindlichen Schreibschrift und der rudimentären Grammatik.
Plötzlich schwebt eine Wolke aus Gerüchen herein. Die Malutensilien werden hastig abgeräumt, die halbfertigen Bilder an die Wand gelehnt. Es wird aufgetischt: Spätzle mit Jägergeschnetzeltem. Die Gespräche verstummen, in aller Ruhe und Andacht wird die Mahlzeit bis zum letzten Krümel verputzt. Für Dominik gibt es zum Mittag eine Extrawurst: Auf die Spätzle lässt er aus seiner Tupperbox Hähnchenstücke fallen und quetscht erbarmungslos den letzten Rest Curryketchup aus der Flasche. Zufrieden lächelnd nimmt er seine Gabel und isst.
Diese Mahlzeit sowie auch die restliche Verpflegung, die Unterkunft und die Entlohnung werden von der Stadt und den Alsterdorfer Anstalten finanziert. Um überhaupt ein »Schlumper von Beruf« zu werden, absolvieren die Künstler nach Probearbeiten und einem Praktikum auch eine zweijährige künstlerische Ausbildung, in welcher sie Materialien, Techniken und den Arbeitsalltag kennen lernen.
Die Teller sind abgeräumt. Langsam schleicht sich wieder Leben in die satten Künstler. Ulla nimmt sich ihre Box mit Ölkreiden und malt weiter. Mit akribischer Sorgfalt füllt sie jede freie Stelle ihrer Zeichnung aus. Mit leuchtendem Pink, strahlendem Gelb und kräftigem Grün. Die Formen tanzen über das Papier. Ihre Zunge schnellt hervor, ihre Wangen sind gerötet, mit einer Mischung aus Leidenschaft und Konzentration kreiert sie ihr neuestes Werk. Hugo blickt etwas mürrisch über den Tisch. Er ruft das Bild eines Seemanns wach: wirre Haare, stoppeliger Vollbart und furchige Haut, Latzhose. Doch sein raues Äußeres und seine schnodderige Art täuschen. Feinfühlig führt er den Stift über das Papier, fügt winzige Mosaikzeichnungen aneinander, malt winzigste Details. Mit liebevollem Blick rundet er sein Werk ab, setzt mit goldfarbenem Edding kleine Highlights. Er lächelt. »Fertig.«
Ist das Kunst? Um die Antwort auf diese Frage streiten sich Kunstkenner und Kuratoren. Viele meinen, Menschen mit einem derartigen Handicap kreieren ohne einen Bezug zur Kunst- oder Gesellschaftsgeschichte. Sie könnten weder das Gesamtgeschehen noch ihre Werke reflektieren. Daher sei es keine Kunst. Aber wer setzt diesen Maßstab? Gerade diese Unkenntnis von Kunstgeschichte und das Malen ohne die Barrieren des Nachdenkens und Planens lassen gehandicapte Künstler frische Formen und Farbmuster kreieren, ihren eigenen Stil finden ohne dabei von anderen Künstlern maßgeblich beeinflusst zu werden. Sie malen nicht wie Picasso oder Klee, sie malen wie sie selbst. Vergleicht man beide, zeigen sich aber ähnliche Charakteristika. Die Kunst der Gehandicapten ist von der modernen Kunst kaum oder gar nicht zu unterscheiden, würde man die Biografie der Urheber nicht kennen. Denn die Werke entspringen dem kreativen Potenzial der Personen und nicht ihrem gesunden oder kranken Geisteszustand. Außerdem, so zitiert Volker Schmidt passend den Maler Jean Dubuffet: »Von der Kunst erwartet man zweifellos nicht, dass sie normal ist.«
Dominik klappt sein Buch zu, räumt seine Filzstifte in die Plastikhülle und legt beides in eine Schublade. Er lenkt seinen Rollstuhl zum Ausgang. Im Vorbeifahren wirft er den leeren Ketchup in den Müll. Mit einem leisen Klacken schließt sich die Tür hinter ihm.
*Alle Fotos in diesem Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Freunde der Schlumper e. V.
Weitere Infos gibt es hier: Homepage der Schlumper






