Leben

Die Befriedigung des menschlichen Urtriebs

Veröffentlicht am 22. August 2008

hamburg.de ist das offizielle Stadtportal der Hansestadt. Im März letzten Jahres übernahm die Axel Springer AG mit 51 Prozent die Mehrheitsbeteiligung an der Website. Der neue Geschäftsführer Georg Konjovic blickt zurück auf eine mehr als zehnjährige Erfahrung in der Internetbranche. info-parkour.de sprach mit ihm über Entwicklungen, Anforderungen im Online-Bereich, Strategien zur Nutzerintegration und die Bedürfnisbefriedigung seiner Kunden.

Sie sind seit Juli letzten Jahres Geschäftsführer von hamburg.de. In der Pressemitteilung von Axel Springer werden Sie als »Internet-Profi« bezeichnet. Was macht Sie zu einem solchen?

Nachdem »Internet-Profi« ja kein geschützter Begriff ist, fällt es schwer, die genauen Kriterien zur Erlangung dieses Titels zu benennen. Ich denke aber, dass meine inzwischen knapp zehn Jahre Berufserfahrung im Online-Geschäft auf Professionalität schließen lassen.

Mit 30 sind Sie vergleichsweise jung für Ihre Position. Was hat Ihre Karriere beschleunigt?

Ich habe 1999 die Chance zum Einstieg bei einem jungen Münchner Start-up (ciao.com) genutzt. Die meisten wagten damals noch nicht die Bedeutung des Internets zu prognostizieren. Für mich war aber damals sofort klar: Da musst Du von Anfang an dabei sein!

Haben Sie eine gezielte/ausgewählte Medienausbildung hinter sich bzw. gab es für Sie und Ihren beruflichen Werdegang ein bewusstes Ziel, das Sie verfolgten?

Wie so viele habe ich zunächst einmal ein Jura-Studium begonnen, dann aber rechtzeitig meinen persönlichen »Exit« geschafft und mich dem Arbeitsleben gewidmet. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich im Medienbereich aktiv. Zunächst ganz klein bei der Schülerzeitung, dann als Landesvorstand der Bayerischen Jugendpresse, dann Radio, Online-Start-up und weitere Stationen und seit einem Jahr als Geschäftsführer von hamburg.de. Für mich war immer klar, dass ich im Medienbereich arbeiten möchte. Und so war ich auch immer in diesem Sektor aktiv.

Welche Kompetenzen sollte Ihrer Ansicht nach ein Studienabsolvent mitbringen, wenn er in der Internetbranche Fuß fassen möchte?

Er oder sie muss selbst Onliner sein, also selbst online leben, dazu bereit sein, alles Neue auszuprobieren, sich reinzufuchsen. Absolut fehl am Platz ist Angst vor Technik. Am besten immer »first mover« bei Innovationen in diesem Bereich sein. Ansonsten die üblichen Dinge: Nur Teamplayer kommen weiter, Hierarchiefreunde suchen sich lieber eine andere Branche. Und wer einen 40-Stunden-Job sucht, vergisst Online ganz schnell wieder. In keiner anderen Branche verschwimmen Freizeit und Job so stark wie hier.

Wo sehen Sie die Zukunft der Internetbranche? Welche Berufsbilder etablieren sich bzw. lassen sich bereits neu identifizieren?

Vor allem werden viel breitere Qualifikationen gefordert. Nehmen wir Redakteure. Waren hier früher verschiedene Spezialisten für Print – und hier auch noch nach Zeitung und Zeitschrift getrennt –, Hörfunk und TV gefragt, gilt heute das Prinzip des multimedialen Storytellers. Ein Redakteur produziert seine Geschichte für Print, Online und dreht dazu noch ein kleines Video. Spezialisierung ist sehr gut, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Aber jeder sollte sich ein breites Know-how als Generalist aneignen! Außer Frage steht für mich, dass das Internet eine wichtige Jobmaschine bleibt und jede Menge spannender Jobs entstehen werden.

Können Sie einschätzen, in welchen Bereichen gegenwärtig und absehbar verstärkt investiert werden wird?

Eine mittel- oder langfristige Prognose ist schwierig. Aber beim mobilen Internet stehen wir derzeit am Anfang. Hier wird es beginnend mit diesem Herbst eine Investitions- und Innovationswelle geben!

Sie betreiben neben hamburg.de noch eine eigene Website und sind/waren in mehreren Blogs aktiv. Was reizt Sie am Internet?

Wer von sich behauptet, Profi in einem Thema zu sein, sollte es von A bis Z durchdrungen haben. Wie könnte ich es etwa jemals wagen, etwas über Podcasts zu erzählen oder deren Sinn zu bewerten, wenn ich nie selbst einen betrieben habe? Bei diesem Thema bin ich drastisch: Nur wer etwas selbst gemacht hat, kann und sollte wirklich mitreden.

Worin sehen Sie die ausschlaggebenden Faktoren für den Erfolg des  Web 2.0?

Zunächst halte ich gar nichts von der Versionierung des Webs. Das Medium Internet entwickelt sich laufend weiter, so wie es auch andere Mediengattungen immer getan haben. Wo stehen wir beim TV? TV 17.1 oder schon 19.0? Das Web 2.0 bedient zwei Urtriebe des Menschen: Lernen und Kommunizieren. Es ist, als sei ein Korken gezogen worden: Ungezügelte Kommunikation und ungehemmter Austausch mit anderen Menschen ist nun möglich. Außerdem entfällt zunehmend Herrschaftswissen – jeder kann sich aus allen Quellen informieren, nicht nur aus den für ihn zugedachten. Besonders für die Gesellschaften der Schwellenländer wird das eine enorme Beschleunigung in der Entwicklung bedeuten.

Welche Veränderungen haben Sie für hamburg.de in Angriff genommen?

Wir haben beim Relaunch wirklich alles erneuert: die Technik im Hintergrund mit einem brandneuen Content-Management-System, unser Navigations- und Inhaltskonzept, das ansprechende und frische Layout und die Suchmaschinentauglichkeit. Interaktive Elemente kamen komplett neu hinzu, einzigartig im Vergleich europäischer Stadtportale. Uns war es wichtig, das neue hamburg.de streng an den User-Interessen auszurichten. Wir wissen, dass zahlreiche User sich an die bisherige Website gewöhnt hatten und nun mit einem komplett neuen Auftritt konfrontiert werden. Aber schon in den ersten Tagen konnten wir sehen, dass der Großteil der User das Portal intensiver nutzt als vorher.

Woher wissen Sie, was die Interessen der Nutzer sind? Woher wissen Sie, welches Design für Ihre Zielgruppe ansprechend ist, welche Informationen und Funktionen, sprich Web-2.0-Applikationen, angeboten werden müssen?

Woher weiß ein Koch, wie viel Salz in die Suppe muss? Aus Erfahrung! Das gesamte Team von hamburg.de besteht aus hochkompetenten Spezialisten, die alle ihr Fach perfekt beherrschen. Wir haben einen immensen Erfahrungsschatz, aus dem wir schöpfen können. Ansonsten bedienen wir uns natürlich der üblichen Instrumente: Umfragen, Studien und natürlich Usability-Testings.

Welche Informationskanäle sind entscheidend, um auf sich aufmerksam zu machen? Welche Mittel wenden Sie an, um Ihre Zielgruppe von Ihrem Angebot zu überzeugen oder Sie an dasselbe zu binden?

Content is King. Wir können nur durch Qualität überzeugen. Für hamburg.de nehmen wir in Anspruch, wirklich hochwertige und verlässliche Informationen und Services anzubieten. Erlebte Qualität ist der beste Grund, zu einem Angebot zurückzukehren. Für klassisches Marketing geben wir so gut wie kein Geld aus. Um hier einen spürbaren Effekt zu erreichen, müsste man Unsummen ausgeben – die haben wir nicht. Daher arbeiten wir lieber im Rahmen von Mediapartnerschaften mit Playern in Hamburg zusammen, etwa im kulturellen Bereich. Generell sollte man sich hier nichts vormachen: Das wichtigste Instrument ist Google. User suchen, sie browsen nicht mehr. Daher ist für uns Suchmaschinenoptimierung sehr wichtig.

Können Sie skizzieren, in welcher Reihenfolge folgende Schritte bei der Erstellung eines neuen Online-Angebots unternommen werden sollten bzw. welche Ihrer Ansicht nach häufig fehlen: Suchmaschinenoptimierung, Verbesserung der Usability, Transparenz, Nutzerintegration, Angebotspflege?

Als erstes muss das Ziel bekannt sein. Was will man erreichen? Welche Zielgruppe ansprechen? Welches Business-Modell soll wie funktionieren? Und dann geht es los: Funktionsbeschreibung, Pflichtenheft, Screendesign (Design follows function!) und das erste Usability-Testing. Mit dessen Ergebnissen dann das Konzept feinschleifen. Die Suchmaschinenoptimierung ist das A und O für die Generierung von Besuchen auf einem Webangebot. Daher muss sich das wie ein roter Faden vom ersten Grobkonzept bis zu jeder kleinen alltäglichen Aktualisierung auf der Website durchziehen.

Wie bekommt man seine Zielgruppe dazu, sich aktiv zu beteiligen?

Zwei Möglichkeiten: Entweder man zahlt Usern Geld für ihr Engagement oder aber man vermittelt, dass eigenes Mitwirken auf der Plattform dazu führen kann, dass man selbst Mehrwert abrufen kann. Ersteres lehne ich (auch nach meinen Erfahrungen bei ciao.com) strikt ab, bleibt also der zweite Ansatz. Wir zeigen den Usern, dass sie selbst am meisten davon profitieren, wenn sie sich engagieren. Das beste Beispiel sind Seiten wie Wikipedia oder Qype. Das einzelne Engagement mündet in kollektivem Mehrwert.

Ist die Einrichtung von Web-2.0-Applikationen die Lösung aller Probleme? Was wird die Online-Angebote der Verlagshäuser zukünftig zu ertragsreichen Geschäftsmodellen führen?

Web 2.0 löst gar keine Probleme, falsch angewandt kann es sogar neue generieren. Verlage werden immer Zeitungen publizieren, denn Print wird nie tot sein. Aber sie werden ihr Hauptgeschäft in Zukunft online generieren müssen. Die Online-Plattformen der Zeitungen und Zeitschriften sind perfekte Umfelder, um die absolute Kernkompetenz der Verlage, nämlich den Qualitätsjournalismus, in die Tiefe entwickeln zu können. Einige Verlage sind bei der Verzahnung von Print und Online schon recht weit, andere stehen noch am Anfang und führen theoretische Kannibalisierungsdebatten.

Welche Aufwendungen bei einem Online-Auftritt wie dem von hamburg.de fallen besonders ins Gewicht und wo wünschte man sich, diese weiter zu reduzieren?

Persönlich finde ich die Technikkosten, also zum Beispiel das Hosting, immer noch zu teuer. Im Bereich Content/Produkt gibt es bei uns keine Einsparansätze. Wir wollen ein hochwertiges Portal anbieten, das geht nur mit einer qualifizierten Mannschaft.

Sie schreiben Artikel für Fachpublikationen und halten Vorträge, etwa an Universitäten. Was vermitteln Sie dabei Ihren Zuhörern/Lesern?

Einerseits versuche ich natürlich, einen verständlichen Überblick über aktuelle Trends und Entwicklungen im Online-Bereich zu geben und Neugier auf die neuen Möglichkeiten zu wecken. Aber, fast wichtiger, ich versuche mit Halbwissen und Halbherzigkeiten aufzuräumen. Ich musste mich schon so oft über Vorträge ärgern, bei denen angelesenes Halbwissen verbreitet wurde und die Zuhörer darauf basierend ihre Zukunft entwickelt haben. Dagegen bewundere ich Referenten, die aus der Praxis mit gewisser »hands on«-Mentalität über Realitäten sprechen und bemühe mich, selbst ein authentischer Berichterstatter aus der Praxis zu sein.

Neben der inhaltlichen Neuorientierung soll »die wirtschaftliche Situation des Portals hamburg.de nachhaltig verbessert werden«, heißt es von Seiten Springers. Der Verlag besitzt bezüglich seiner Personalpolitik einen zweifelhaften Ruf. Gab es seit der Übernahme personelle Umstrukturierungen, sprich Entlassungen oder Neueinstellungen?

Vorweg: hamburg.de ist unabhängig von Personalentscheidungen bei den Gesellschaftern. Ich habe mir das Unternehmen zu Beginn meiner Amtszeit genau angesehen und viele Personalgespräche geführt, um jeden Einzelnen und dessen Aufgabengebiet kennen zu lernen. Anschließend habe ich die aus meiner Sicht sinnvolle Personalaufstellung für hamburg.de implementiert, die aus hamburg.de eine klassiche Online-Organisation machte. Aufgrund von wegfallenden Geschäftsfeldern waren auch betriebsbedingte Kündigungen leider nicht zu vermeiden. Was mich jedoch ehrlich freut: Alle unsere ehemaligen Kollegen konnten zügig Folgeanstellungen finden.

Was ist Georg Konjovic persönlich für ein Mensch?

Ohne Anspruch auf Objektivität: realistisch, verlässlich, rechthaberisch, visionär, bodenständig. Und wie ein Kollege unlängst sagte: krankhaft optimistisch.

Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Ich bin seit etwas mehr als einem Jahr bei hamburg.de. Noch spüre ich keine Langeweile und keinen Drang nach einer neuen Herausforderung. Eines ist aber sicher: Ich bleibe den Medien treu; was anderes kann ich auch gar nicht.

Bietet hamburg.de Praktika an?

Klar, natürlich auch bezahlt. Wer mindestens drei Monate Praktikum machen will, durch und durch schon privater Onliner ist und Lust auf die lokale Nummer 1 in Hamburg hat, sollte uns schnell schreiben.

Gibt es Jobmöglichkeiten bei hamburg.de?

Aktuell haben wir leider keine offenen Stellen.

Welche Aufgaben können Studenten/Praktikanten/Absolventen bei hamburg.de übernehmen?

Ob ein Kollege Student, Praktikant oder Festangestellter ist, ist mir egal. Entscheidend sind seine Kompetenz und seine Begeisterung für ein Thema. Insofern können bei uns auch Studenten oder Praktikanten große Verantwortung übernehmen. Ein Beispiel: Unser gesamtes Engagement im Bereich Bewegtbild – hier produzieren wir derzeit regelmäßig zwei eigene Videoformate – wird ausschließlich von Studenten bestritten. Und zwar perfekt!

Kennen Sie die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg?

Wir haben bei hamburg.de herausragend engagierte Studenten der HAW im Team. Daher kenne ich die Hochschule indirekt.

Vielen Dank für das Gespräch.

[August 2008]

Weitere Infos gibt es hier: Homepage von hamburg.de

Weitere Artikel der Reihe:

scream_shout

»Keine Blind Dates beim TOA«

.

Großstadt-Segeln

thamm

»Du musst die Bürger mit einbeziehen«

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*