HAW

Kultur: Los!

Veröffentlicht am 15. Januar 2009

Alumni-Networking ohne Alumni-Network, Jobvermittlung ohne Jobbörse: Was Kultur an einer Hochschule bewirken kann – und wie man ihre Entwicklung unterstützt.

Was bist Du? Die Antwort fällt schwer? Dabei wäre es doch so einfach: Man ist sein Studiengang. Steckt in dieser Simplizität wirklich der Ursprung für Hochschulkultur?

In meinem Postfach, neulich: Ein Alumni entdeckt nach einer Schulung bei einem externen Unternehmen auf dessen Homepage Stellenausschreibungen, die für noch studierende und ehemalige Kommilitonen interessant klingen. Innerhalb weniger Stunden finden diese Ausschreibungen ihren Weg über die Personalabteilung und einen Professor sowie einen Hiwi zu den Studenten und Alumni – und damit zu potenziellen Bewerbern wie mir. Alles ohne Alumni-Netzwerk, Jobbörse oder Profilen bei Web-Communities. Wie funktioniert so etwas?

Zeitsprung: Es ist Oktober 2004, an einer Hochschule in Süddeutschland. Die Erstsemestler sitzen in einem Klassenraum, der in seiner Sterilität erst einmal wenig Wärme und Wohlbehagen vermittelt. Fachschaftsmitglieder stellen sich und die Hochschule vor, einer von ihnen zückt eine Digitalkamera, Zettel und Stift. Daraufhin gibt man Name und Anschrift preis, posiert für Portraitfotos und wundert sich ein wenig. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnt: Dies war die Geburtsstunde ihrer neuen Identität. Von nun an waren sie Teil einer neuen, großen Familie: ihrem Studiengang. Ein Kontakt-PDF kommt wenige Tage später über den Studiengangsmailverteiler. Absender: der Studiengangsleiter.

Das schnöde Dokument ist weder witzig gestaltet noch werden darauf Grimassen geschnitten, aber der Nutzwert liegt schnell auf der Hand: der Name zum Konterfei, die Telefonnummer bei vergessenen Raumnummern, die Herkunft oder der aktuelle Wohnort als Gesprächsgrundlage – man lernt sich schlichtweg schneller kennen.

Wenige Wochen später trifft man sich auf einer Hütte im Schwarzwald und feiert mit Kommilitonen aus höheren Semestern. Man singt, lacht, macht Wanderungen, kocht gemeinsam und erfährt erste »Interna« – sowohl was die Hochschule als auch den Praxisalltag angeht. Hier finden die ersten ihren neuen studentischen Nebenjob in fachrelevanten Bereichen, noch bevor sie überhaupt einen Blick auf die fachbereichsintern verwaltete Job- und Praktikumsstellenbörse geworfen haben. Auch hier hat die Fachschaft mitorganisiert, die Erstsemestler sind begeistert, möchten im Folgejahr selbst ein Hüttenwochenende organisieren.

Wenige Wochen nach ihrer Immatrikulation sind die Neulinge bereits allesamt Mitglieder in einem Berufsverband, hören in Vorlesungen ihren als Dozenten tätigen ehemaligen Kommilitonen zu, machen sich gegenseitig zu Kollegen bei international agierenden Großkonzernen, kommunizieren über ihren Mailverteiler, diskutieren online in ihrem eigenen Forum, werden sukzessiv in die Tätigkeiten der Fachschaft integriert, tauschen Lernmaterialien mit Kommilitonen aus höheren Semestern aus und diskutieren mit ihnen über Fachthemen. Idealisiertes Wunschdenken? Nein. Realität an vielen deutschen Hochschulen.

Campuskultur! Aber wie?
Sich eine Hochschulkultur zu wünschen oder von ihr zu sprechen, wenn jene, die Teil von ihr werden sollen, nicht aktiviert und begeistert werden, nützt leider noch nicht viel. Dies betrifft sowohl Studenten als auch Professoren. »Hochschulkultur« funktioniert nicht Top-Down, sondern Bottom-Up.

Top-Down ist, vielzählige Learning Management Systeme, Foren und andere Technologien oder Plattformen zur Verfügung zu stellen, die schlussendlich aufgrund ihrer Komplexität oder schlichten Vielzahl nicht genutzt werden. Top-Down ist auch, in studentischen Magazinen, Alumni-Netzwerken und Online-Angeboten Stellenbörsen, Diskussionsplattformen oder Ähnliches einzurichten, um die es dann nach einem kurzen Aufschrei schnell wieder still wird – in Ermangelung von Nutzern.

Aber wo anfangen? An der Basis. Bottom-Up ist, mit wenigen, einfachen Mitteln ein Wir-Gefühl unter Kommilitonen und Professoren eines bestimmten Studiengangs oder einer Fakultät zu erzeugen und damit die so dringend als Fundament notwendige Geisteshaltung unter ihnen zu etablieren. Und Bottom-Up ist, von Beginn an, also bereits den Erstsemestlern eine positive, »Gemeinsam sind wir stärker«-Gesinnung zu vermitteln.

Die Jobaussichten mögen trüb sein. Nach dem Studium wird man sicherlich bis zu einem bestimmten Grad vom Kommilitonen zum Konkurrenten. Aber Networking ist schon jetzt eine der wichtigsten Arbeitsbeschaffungsmöglichkeiten. Gerade mit zunehmenden Bewerberzahlen und abnehmenden Stellenangeboten nimmt der Stellenwert von Networking zu.

Der Preis mag zunächst ein »gläserner Kommilitone« sein, der seine Daten an seine neuen Lebensabschnittsbegleiter weitergibt. Aber diese Transparenz ist die Basis jeglicher Tuchfühlung, Vertrauensbildung und eines Gemeinschaftsgefühls, das später in jahr- und studiengangsübergreifender Zusammenarbeit sowie Alumni-Netzwerken fruchtet.

Neben der Bereitstellung und Vermittlung von Kontaktdaten können FSR, die Professorenschaft oder andere Organisationseinheiten einer Hochschule als Initiatoren, Korrespondenten oder gute Vorbilder agieren und den Geist des Mit- statt Gegeneinanders propagieren. Nach ersten schönen Erlebnissen und handfesten Vorteilen kann Hochschulkultur zum Selbstläufer werden.

Nach mehrjährigem gemeinsamen Kampf öffnet man dann vielleicht noch einmal das Kontakt-PDF, entsinnt sich, wie man sich anfangs gegenseitig wahrnahm, welche eigenen Wünsche und Vorstellungen man vom Studium hatte, wie man aufeinander Einfluss nahm, gegenseitig den Werdegang mitgestaltete und was nun aus den anderen und einem selbst geworden ist. Und vielleicht hört man von einem interessanten Stellenangebot und schreibt daraufhin eine Mail an den Studiengangsleiter.

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