HAW

Raum der Stille

Veröffentlicht am 2. Juni 2011

Wenn es darum geht, wie stark eine Religion ausgelebt und praktiziert werden darf, sind die Meinungen oftmals eher kritisch. Genauso ist die Debatte um einen Gebetsraum an einer Hochschule nicht einfach. Dabei machen andere schon vor, wie es funktionieren kann.

. [Fotografie: Bastian Clausdorff, info-parkour.de]

»Wo befindet sich auf dem Campus denn der Gebetsraum?« Dem Erstsemestler, der diese Frage Anfang des Semesters seinem Tutor stellte, war sicherlich nicht bewusst, welche Lawine er damit lostreten würde. Einen Gebetsraum gibt es an der HAW nämlich nicht. Doch von dieser Tatsache hatte der hilfsbereite Tutor keine Kenntnis, weshalb er seinen Auskunftspflichten nachging. Es wurde gesucht und geforscht bis die Frage schließlich den AStA erreichte. Nein, solch einen Raum gibt es an der HAW tatsächlich nicht. Aber bekanntlich gibt es immer eine unvermeidbare Frage, die irgendwo in den Gedanken kreativer Köpfe flattert: Was wäre wenn?

Wenn es nun einen Gebetsraum gäbe, eine schöne Ruhestätte zum Beten und Meditieren, Erholen und Entspannen. Gar keine schlechte Idee. Doch braucht, nutzt und wünscht sich das der Student? Soll die Religion auch an der Hochschule praktiziert werden oder soll sie jenseits vom Campus bleiben? Das Gedankenchaos endet mit einem Für und Wider, mit Zweifel und Begeisterung. Da hilft es, sich an anderen Beispielen zu orientieren, wie der Universität Hamburg.

No slides are available.[Fotografie: Bastian Clausdorff, info-parkour.de]

An dieser Uni haben Studenten bewiesen, dass eine Idee nicht nur eine Idee bleiben muss. Seit 2006 besteht der »Raum der Stille«, ein interreligiöser und interkultureller Raum in einem Nebengebäude im Von-Melle-Park 11 und findet seither großen Anklang. Von montags bis freitags haben Studenten die Möglichkeit, gemeinsam oder allein zu beten, zu meditieren oder sich zu erholen und zu entspannen.

Obwohl der Raum schlicht und einfach ausgestattet ist, wurden viele Details bedacht. Die Wände sind in warmen Tönen gestrichen, auf religiöse Symbole wurde aus Rücksicht auf die verschiedenen Glaubensarten bewusst verzichtet. Buddhisten können spezielle Meditationskissen nutzen, Muslimen steht ein Waschbecken für die rituelle Waschung vorm Gebet zur Verfügung.

»Für Muslime ist auch ein reiner Boden besonders wichtig«, erklärt der 23-jährige Student Baki, der seit drei Jahren dem Vorstand der Islamischen Hochschulgemeinde angehört. »Aus diesem Grund gibt es auch Teppiche und ein allgemeines Schuhverbot.« Es sind simple Regelungen, welche die Vereinigung vieler Religionen unter einem Dach ermöglichen.

»Vor der Zeit des Gebetsraumes hatten die Studenten keine so angenehme Atmosphäre zum Beten«, erzählt Baki weiter. Damals hätten sich die Muslime im Keller im Gebäude gegenüber zusammengefunden und ihre Gebete trotz verwunderter Blicke und fehlender Privatsphäre verrichtet. »Der Keller ist nicht so schön«, meint Baki, womit er etwas untertreibt. Die Wände sind restlos mit Graffiti besprüht, die Eisentüren erinnern an ein Gefängnis, die Toiletten scheinen abenteuerlich zu sein und jeder Schritt hallt in diesem unheimlichen Kellersaal. Dass an diesem Ort gebet wurde, ist kaum vorstellbar.

Seit Ende der 80er nahm die Anzahl der Studenten islamischen Glaubens so stark zu, dass das Bedürfnis stieg, die fünf täglichen Gebete an einem würdevollen Ort verrichten zu können. »Doch ein Antrag allein von muslimischer Seite bewirkte bei der Uni nichts«, erzählt Fatih Yildiz, ehemaliger Sozialökonomie-Student an der Universität Hamburg und damals Vorsitzender der Islamischen Hochschulgemeinde.

Erst als sich verschiedene Gemeinden wie die Katholische, die Evangelische, die Islamische und die Baha’i Hochschulgemeinde zusammenschlossen und die Bemühungen intensiviert wurden, gab die Universität nach. Mitunter aus dem Grund, den interreligiösen Dialog zu stärken und zu fördern. »Und dies geschieht täglich – friedlich und ohne Probleme«, sagt Baki, »Fatih Yildiz hat als Mitinitiator des Projekts eine Menge dazu beigetragen.«

Die Ideenumsetzung des »Raum der Stille« hat sich also rentiert. »Zudem wird der Andrang und die Popularität vermutlich noch zunehmen«, so Fatih Yildiz. Schon jetzt ist die Raumgröße etwas knapp, obwohl 40 bis 50 Menschen gleichzeitig zum Beten Platz finden. »Immer mehr Muslime haben das Bedürfnis, zwischen den Seminaren und Vorlesungen zu beten, was dazu führt, dass der Raum manchmal ziemlich voll ist und andere Interessengruppen zu kurz kommen«, so Yildiz weiter.

Der »Raum der Stille« ist wohl in vielen Hinsichten ein Vorbild und bestätigt, dass, wenn alle Religionsgruppen miteinander kommunizieren und an einem Strang ziehen, ein wunderbares Resultat entstehen kann. Wenn dies ebenfalls an der HAW gelingen sollte, wäre das ein absoluter Mehrgewinn!

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6 Gedanken zu “Raum der Stille

  1. Interessanter Artikel. Ich spreche niemandem das Recht auf Religionsausübung ab. Kritisch sähe ich aber die (wenn auch indirekte) Bereitstellung von Hochschulmitteln, um den Wünschen egal welcher Religionsgemeinschaft zu entsprechen. Die staatlichen Hochschulen sollten sich darauf konzentrieren, Räume für die Lehre bereitzustellen.

  2. Martin, es ist ein interreligiöser Gebetsraum. Für einige religiöse Gemeinschaften ist es ein Bedürfnis. Die Mensa hat auch nichts mit der Lehre zu tun, aber es ist ein Bedarf für die Studenten. Man muss diese Angelegenheit von der Perspektive der “gläubigen” Studenten betrachten.

  3. Die Mensa (und auch die Toiletten) erfüllen aber ein unbestreitbares (weil biologisches) Grundbedürfnis der Menschen. Das Bedürfnis seine Religion überall auszuüben mag vorhanden sein. Die Frage ist, ob eine Hochschule dem entsprechen muss. Prinzipiell sehe ich das als Privatvergnügen an, das mit beispielsweise meinem Bedürfnis meine Modelleisenbahn auf dem Hochschulgelände aufzubauen gleichzusetzen ist. Beides ist legitim und nicht verboten, beides sollte nicht Sache der Hochschule sein.

  4. Du darfst nicht vergessen, dass dein Bedürfnis deine Modelleisenbahn auf dem Hochschulgelände aufzubauen, im Vergleich zur Religionsausübung keine grundrechtliche Stütze findet und somit nicht gleichzustellen ist. Der Staat, mithin auch die Universität (weil öff. rechtliche Körperschaft) hat u.a. dafür Sorge zu tragen, jedem eine ungestörte Religionsausübung zu ermöglichen. Netterweise hat die Universität Hamburg sogar einen separaten Raum zu Verfügung gestellt.

    Ganz im Gegenteil ist es durch die Eröffnung dieses Raumes durchaus gelungen, einen Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen möglich zu machen, um insbesondere Vorurteile abzubauen.

    Als einer der Vorreiter in Sachen interreligiösen Dialogs (auch Teil der Wissenschaft), kann die Universität Hamburg sehr stolz auf sich sein!

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