NICHT JETZT!, ein Magazin für Menschen, die mitreden und -denken möchten. Um deren potenzielle Zielgruppe dürften sich Werbetreibende reißen. Der Art Directors Club Deutschland (ADC) als auch der Deutsche Designer Club (DDC) zeichneten die Publikation aus. Aus der ursprünglich geplanten Kooperation mit dem Berliner DUMMY Magazin ist die NICHT JETZT! – gestaltet von Studenten am Department Design und verantwortet von Prof. Heike Grebin – nach nur zwei Ausgaben eine »ausgezeichnete« Marke. Unabhängig von Werbeeinnahmen, stattdessen mit Bordmitteln der Hochschule finanziert, kann sich das Magazin gestaltungs- und inhaltstechnisch fern der Marktstandards in einer kreativen Schutzzone entwickeln. Über seine Zusammenarbeit mit den Kommilitonen der diversen Disziplinen, die Resonanz innerhalb der Hochschule auf das Magazin und über den Fortgang desselben erzählt Student und Redaktionsmitglied Daniel Behrens im Interview mit info-parkour.de.
Durch welche Intention ist das Magazinprojekt NICHT JETZT! entstanden?
Also ganz am Anfang stand eigentlich die Intention, nicht für den Mülleimer gearbeitet zu haben. Begonnen hat das Projekt als eine Kooperation der DUMMY-Redaktion aus Berlin und dem Department Design. IllustratorInnen, FotografInnen und TypografInnen sollten die Dezemberausgabe des DUMMY Magazins zum Thema Kinder gestalten. Die Zusammenarbeit scheiterte aber aus verschiedenen Gründen, jedoch hatten wir alle ein Semester an dem Projekt gearbeitet. Wir entschlossen uns daraufhin, unser eigenes Magazin zu machen. So kam es zur NICHT JETZT!.
In welchem Zeitraum entsteht eine Ausgabe der NICHT JETZT! und lassen sich Deine zeitlichen Kapazitäten mit den Anforderungen bei der Mitarbeit an dem Magazin konfliktfrei arrangieren?
Für die erste Ausgabe haben wir neun Monate gebraucht, wie sich das für ein Heft zum Thema Kinder gehört. Für die zweite Ausgabe haben wir so etwa sechs Monate gebraucht. Die Redaktionsarbeit ist ziemlich zeitintensiv, umso näher der Release-Termin rückt, je zeitintensiver wird sie. Vor allem die Organisation und Kommunikation nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, das ist etwas, was ich zu Beginn eines solchen Projekts gerne vergesse. Ich hatte zeitweise das Gefühl, dass ich den halben Tag nur E-Mails lese und schreibe. Klar gab es da auch Konflikte, ich hatte ja auch noch andere Sachen zu tun. Aber mit ein bisschen Organisation bekommt man das schon hin.
Was war für Dich der Anreiz, bei der NICHT JETZT! mitzuarbeiten?
Der Anreiz war, dass es ein reales Projekt war. Ich sehe das zum einen als zusätzliche Motivation, weil die Arbeit nicht nach einer Präsentation in der Schublade verschwindet, sondern veröffentlicht wird, und zum anderen lernt man andere Sachen als bei Arbeiten, die im Rahmen eines normalen Kurses stattfinden. Beispielsweise professionelle Produktionsabläufe und Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen. In diesem speziellen Fall hatte ich zusätzlich die Möglichkeit, redaktionell zu arbeiten und über die Arbeit etwas zu lernen.
Was sind die Voraussetzungen für die Mitarbeit an der NICHT JETZT!? Wie und aus welchen Studiengängen ist das Team zusammengekommen?
Es gibt keine Voraussetzungen. Alle Redaktionsmitglieder der aktuellen Ausgabe haben auch schon bei der ersten Ausgabe in der Redaktion mitgearbeitet. Bei der ersten Ausgabe waren wir noch zu zwölft, die Redaktion setzte sich aus den Teilnehmern des entsprechenden Typografiekurses zusammen. Bei der zweiten Ausgabe waren wir zu sechst.
Wie habt Ihr die Verantwortlichkeiten bei der Heftproduktion aufgeteilt?
Ich glaube, wir waren alle gleich verantwortlich. Von uns übernimmt jeder gerne Verantwortung, meistens ergibt es sich so von ganz alleine, wer für was verantwortlich ist. Ich denke, jeder hat sich da so seinen Bereich gesucht.
Gab es Konflikte und wenn ja, wie wurden sie gelöst?
Innerhalb der Redaktion gab es keine wirklichen Konflikte, wir haben offen über alles geredet und verstehen uns alle gut, auch sonst wüsste ich nicht, dass es zu ernsthaften Konflikten kam, die Zusammenarbeit lief insgesamt sehr gut.
Wie kamen die redaktionellen Inhalte zustande?
Zuerst haben wir uns in der Redaktion zusammengesetzt und überlegt, was das Thema des Hefts sein soll. Wir haben eine Liste mit Themenvorschlägen aufgestellt und die Themen jeweils kurz angedacht, um zu sehen, was sie beinhalten und ob wir uns damit auseinandersetzen wollen. So haben wir einfach immer weiter ausgesiebt, bis wir schließlich beim Thema Geld gelandet sind. Zu diesem Thema haben wir dann eine Zeitlang recherchiert sowie Vorschläge und Ideen für Beiträge gesammelt. Parallel dazu haben wir Kontakt mit Journalisten, Fotografen und Illustratoren aufgenommen und versucht sie für das Projekt zu gewinnen. Wir haben den Interessierten Themen angeboten, die wir gerne im Heft haben wollten, haben sie aber auch um eigene Ideen gebeten. Dadurch bekamen wir noch mal ganz neuen Input. In vielen Fällen gab es dann auch eine Zusammenarbeit zwischen den Journalisten und Fotografen oder Illustratoren.
Was wisst Ihr von Eurer Leserschaft und welchen konkreten Einfluss nimmt das auf die Heftkonzeption?
Wir gehen davon aus, dass unsere Leser so ähnlich ticken wie wir, deshalb denken wir eigentlich immer, was interessiert uns, wie muss ein Magazin sein, damit wir es lesen und anschauen würden. Wir sind Gestalter und machen ein Magazin, wollen aber kein Magazin machen, bei dem es nur um die Form geht. Klar versuchen wir zunächst eine ungewöhnliche Form zu entwickeln, aber ohne dass das Inhaltliche darunter leiden muss.
Wie ist der Qualitätsanspruch für die Beiträge als auch die Gestaltung definiert, welche Kriterien sind maßgeblich?
Wir haben keinerlei Kriterien formuliert.
Soll mit dem Magazin eine Aussage getroffen werden?
Klar wird eine Aussage getroffen, sowohl durch den Inhalt als auch durch die Form. Ich glaube nicht, dass man ein Magazin machen kann ohne eine Aussage zu treffen, selbst wenn man es wollte. Ich denke, dass unsere Haltung, die Art und Weise, wie wir uns mit unserer Umgebung auseinandersetzen, deutlich wird. Man könnte natürlich auch lange über den Titel NICHT JETZT! spekulieren, aber den kann ja jeder für sich selbst interpretieren.
Die NICHT JETZT! ist ein monothematisches Magazin. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Das liegt in der Geschichte des Hefts begründet. Wie schon gesagt, ging die NICHT JETZT! aus einer gescheiterten Zusammenarbeit mit dem DUMMY Magazin hervor. Das DUMMY Magazin ist ebenfalls monothematisch aufgebaut. Es war also zunächst keine bewusste Entscheidung. Wir sind aber alle sehr glücklich, dass es ein monothematisches Heft ist. Wir können uns dadurch intensiv mit einem Thema befassen und recherchieren. Wir versuchen das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und es möglichst umfangreich darzustellen.
Das Thema des aktuellen Hefts, Geld, ist allerdings so weitreichend, darüber könnte man sicherlich mehrere Hefte machen. Auch für die Gestaltung ist ein monothematisches Heft von Vorteil. Man kann sich auf das Thema einlassen und daraufhin die Gestaltung entwickeln. Für mich ist eine inhaltliche Auseinandersetzung eine wichtige Voraussetzung für gute Gestaltung.
Welche Erfahrungen – sowohl praktischer als auch zwischenmenschlicher Natur – ziehst Du aus der Mitarbeit an der NICHT JETZT!?
Das lässt sich nicht so einfach auf den Punkt bringen. Ich habe sicherlich viele Erfahrungen gemacht, immerhin habe ich ein halbes Jahr zusammen mit vielen anderen Leuten an dem Heft gearbeitet. Man macht sehr unterschiedliche Dinge und lernt sehr unterschiedliche Menschen kennen, muss viel organisieren und mit vielen Leuten reden. Ich würde das eher als so eine Gesamterfahrung sehen. Im Endeffekt waren und sind unsere Erfahrungen im Magazin ja sehr rudimentär, von daher kann man da noch eine Menge Erfahrungen sammeln, es gibt ja auch keinen vorgefertigten Weg, sondern wir haben uns den Weg selber zusammengesucht.
Konntest Du durch die Mitarbeit an dem Magazin mehr über Deine eigenen Stärken und Schwächen erfahren?
Nein.
Welche Vorteile kann man genießen, wenn man als Magazin im Hochschulkontext nicht gezwungen ist, die Finanzierung über Werbeeinnahmen zu sichern?
Für uns Designer ist es zunächst schön, dass die Gestaltung nicht durch Werbung gestört wird. Wenn wir wirklich auf dem freien Markt und auf Werbeeinnahmen angewiesen wären, dann könnten wir so ein Magazin nicht machen. Werbeeinnahmen errechnen sich durch Verkaufszahlen und um die zu erhöhen, müssten wir uns gestalterisch in Richtung des Marktstandards bewegen, der Extremfall ist: blonde, leicht bekleidete Frau vor blauem Hintergrund auf dem Cover. Das Magazin müsste in großer Auflage und mindestens halbjährlich oder sogar vierteljährlich erscheinen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Der größte Teil der Hefte würde dann in der Tonne landen. Es wäre wegen des zeitlich sehr engen Rahmens nicht möglich, jedes Mal wieder eine neue grafische Form zu entwickeln und das ist eine der Grundideen der NICHT JETZT!.
Bei zukünftigen Ausgaben des Magazins wird sich die Personalstruktur ändern, es werden einfach andere Studierende an dem Heft arbeiten. Für viele, die mitmachen, wird es das erste Mal sein, dass sie ein Magazin machen. Die Finanzierung durch die Hochschule gewährleistet, dass alle Beteiligten an dem Projekt lernen und sich entwickeln können. Es geht ja nicht in erster Linie darum möglichst viel zu verkaufen.
Wer hat sich um die Finanzierung des Projekts gekümmert?
Die Redaktion.
Die Welt ist voll von Magazinen. Wozu noch eines wie die NICHT JETZT!?
Gibt es etwas Vergleichbares? Um Deiner Frage gerecht zu werden, müsste ich etwas über das Konzept des Hefts sagen, dass es eine kleine, aber feine Nische auf dem Magazinmarkt einnimmt, eine Zielgruppe erreicht, um die sich Werbekunden reißen würden. Mal im Ernst, wir sind ja jetzt nicht wirklich als Konkurrenz auf dem Markt, aber wenn man sich da mal genau umschaut, gibt es zwar unglaublich viele Magazine, aber wenige, die ich wirklich kaufen würde. Vielleicht ist das Besondere, dass wir schon einen gewissen Anspruch haben, uns aber nicht allzu ernst nehmen.
Wie hinterlässt man in einer Welt von flüchtigen Eindrücken nachhaltige Spuren? Wie wird man wahrgenommen?
Huiuiui, was für eine Frage. Gibt bestimmt viele Möglichkeiten. Die Frage ist ja auch, von wem will man eigentlich wahrgenommen werden. Das kann man nicht verallgemeinern, nicht jeder ist auf die gleiche Weise und durch die gleiche Symbolik wirklich zu erreichen. Um nachhaltige Spuren zu hinterlassen, muss man vielleicht irgendwie besonders sein, einen Typus entwickeln und nicht so sein wie dieses oder jenes. Also ich denke auch, dass wahrgenommen werden und nachhaltige Spuren hinterlassen zwei verschiedene Dinge sind.
Für wie bekannt hältst Du die NICHT JETZT! bei Lernenden und Lehrenden an der gesamten Fakultät DMI? Welche Informationskanäle nutzt Ihr für die Öffentlichkeitsarbeit?
Ich glaube, dass die NICHT JETZT! außer am Department Design nicht besonders bekannt ist. Zur Release-Party haben wir Flyer an den anderen beiden Departments verteilt. Ob und wie wir wahrgenommen wurden, dass weiß ich nicht genau, da kann ich nur spekulieren. Außer bei Euch wird es noch einen Beitrag über das Magazin im Impetus geben … Welche Kanäle gibt es denn sonst so?
Die NICHT JETZT! ist auch eher ein temporäres Projekt, wir haben ehrlich gesagt kaum Zeit, uns über einen längeren Zeitraum um die Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern. Das ist eigentlich sehr schade, weil wir ein wirklich gutes Produkt zu bieten haben.
Welche Resonanzen gab es von den Studenten an den Departments Technik und Information?
Keine.
Glaubst Du, dass das Projekt NICHT JETZT! von der Fakultät DMI stärker unterstützt werden könnte?
Klar, stärkere Unterstützung, das geht immer.
Vielen Dank für das Gespräch.